Chapter 9 of 22

Der erste Schultag

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Die Weihnachtsferien waren wie im Flug vergangen – eine kurze, sanfte Blase aus Schnee, Spielen und stillen Abenden im Kreis der Familie. Nun war der erste Schultag im neuen Jahr gekommen, und mit ihm die kalte Realität des Alltags.Max wachte wie fast jede Nacht in Lauras Bett auf. Die Decke roch immer noch leicht nach ihrem gewohnten Waschmittel, das Kissen war warm von seinem Kopf. Draußen war es noch stockfinster; nur die Straßenlaternen warfen ein fahles Licht durch die Fensterscheibe. Er blieb einen Augenblick liegen, starrte an die Decke und spürte dieses vertraute, brennende Ziehen in der Brust. Dann stand er auf. Mechanisch ging er ins Bad, duschte heiß und ließ das warme Wasser lange über Nacken und Schultern laufen. Zurück im Zimmer öfnete er im Halbschlaf vollkommen selbstverständlich die rechte Hälfte des großen Kleiderschranks – Lauras Seite. Seine eigene Kleidung hatte er seit Wochen kaum noch angerührt. Es fühlte sich für ihn nicht mehr fremd an, es war zu seiner persönlichen Normalität geworden. Für die Schule wollte er es nicht zu aufällig halten. Etwas Lockeres, aber dennoch Femines. Er wählte eine enge, dunkelgraue Leggings aus weichem Baumwoll-Mix mit hohem Bund, die sich wie eine zweite Haut an seine Beine schmiegte. Darüber zog er ein cremefarbenes Oversize-Sweatshirt von Laura – weich, kuschelig, mit einem dezenten V-Ausschnitt und einem kleinen silbernen Stern auf der Brust. Dazu ihre schwarzen Chelsea Boots mit kleinem Absatz und dicke, weiche Socken. Unter dem Sweatshirt trug er einen ihrer schlichten BHs und einen Slip – auch das war längst eingespielte Routine. Er setzte sich vor den Spiegel. Seine Haare waren mittlerweile deutlich länger geworden, wellig und dunkelblond genau wie ihre. Er kämmte sie sorgfältig, drehte die Spitzen leicht nach außen und fixierte die Friseur mit etwas Haarspray. Dann das Make-up: leicht und geübt. Etwas BB-Cream für den Teint, ein Hauch Concealer unter den Augen, Mascara und ein zarter roséfarbener Lip Balm. Er betrachtete sich kurz im Spiegel – sah Laura, sah sich selbst. Es fühlte sich richtig an. Kein langes Nachdenken, kein Zögern. Unten in der Küche warteten seine Eltern bereits. Der Duft von frischem Kafee und Toast lag in der Luft. „Guten Morgen“, sagte seine Mutter und lächelte ihm warm entgegen, auch wenn ein besorgter Zug um ihre Augen lag. „Erster Schultag… wie geht es dir?“ Max zuckte leicht mit den Schultern. „Geht schon.“ Sein Vater drückte aufmunternd seine Schulter. „Viel Erfolg heute. Und wenn es dir zu viel wird – du kannst uns jederzeit anrufen. Wir sind stolz auf dich, dass du hingehst.“ Seine Mutter umarmte ihn fest. „Pass auf dich auf, Schatz.“ Max nickte, griff nach dem Rucksack – er hatte ganz selbstverständlich Lauras älteren, etwas kleineren genommen – und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Der Bus kam pünktlich. Er stieg ein, setzte sich ganz nach hinten ans Fenster und setzte seine Kopfhörer auf. Eine Playlist mit Lauras Lieblingssongs füllte den Raum in seinen Ohren. Während der Fahrt starrte er hinaus in die Morgendämmerung. Die vertrauten Straßen zogen vorbei, die Häuser, die verschneiten Felder am Stadtrand. Zum ersten Mal seit dem Unfall fuhr er allein zur Schule. Ohne Laura neben sich, die ihn neckte, weil er wieder zu langsam gewesen war. Kein gemeinsames Lachen, keine geteilten Ohrhörer. Die Leere auf dem Sitz neben ihm fühlte sich riesig an. Er dachte an all die Jahre, die sie zusammen gefahren waren, an ihre Witze und ihre gemeinsamen Pläne fürs Abitur. Die Gedanken wurden tiefer und schwerer, und er ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Erst als der Bus die letzte Kurve schnitt und das Schulgebäude in Sichtweite kam, traf ihn die Realität wie ein eisiger Schlag in die Magengrube. Er schaute an sich herunter. Lauras Leggings. Ihr Oversize-Sweatshirt. Die Chelsea Boots. Die geschminkten Augen und die gestylten, langen Haare.„Scheiße…“, flüsterte er vollkommen tonlos. Die Erkenntnis kam viel zu spät. Der Bus bremste bereits spürbar ab. Umkehren war unmöglich – er würde mitten im ersten Unterricht ankommen, und das konnte er nicht riskieren. Nicht nach zwei Monaten Abwesenheit. Sein Herz begann wie wild zu hämmern. Die anderen Schüler standen auf und drängelten bereits zum Gang. Max blieb noch einen Moment starr sitzen, atmete tief ein und hielt die Luft an. Die Türen des Busses öfneten sich mit einem lauten Zischen. Er stand langsam auf, zog den Rucksack fest auf die Schulter, strafte die Haltung und trat hinaus in die kalte Morgenluft. Die Schule lag direkt vor ihm.

End of Chapter 9