Chapter 10 of 22

Der erste Tag zurück

774 words

Die kalte Morgenluft schlug Max entgegen, als er aus dem Bus stieg. Sein Herz hämmerte so laut gegen die Rippen, dass er glaubte, alle Umstehenden müssten es hören. Er zog den Rucksack fest an sich, senkte den Blick und ging mit schnellen, unsicheren Schritten über den Schulhof. Die Leggings schmiegte sich bei jedem Schritt eng an seine Beine, das Oversize-Sweatshirt wehte leicht im kalten Wind. Er hofte inständig, dass niemand ihn genauer ansah – dass er einfach unsichtbar durch das Gewimmel aus Schülern gleiten könnte. Mehrere Lehrer, die gerade in kleinen Gruppen eintrafen, warfen ihm kurze, aufmerksame Blicke zu. Sie waren im Vorfeld von der Schulleitung über Max’ Situation informiert worden: die lebensgefährliche Verletzung seiner Zwillingsschwester, sein Zustand und seine außergewöhnliche Art zu trauern. Man hatte sie gebeten, die Lage sensibel zu beobachten und bei möglichen Anfeindungen sofort einzugreifen. Davon ahnte Max jedoch nichts. Für ihn fühlte sich jeder einzelne Blick wie ein brennender Scheinwerfer an. Er war fast schon am Haupteingang angekommen, als er sie sah: Paul, seinen besten Freund seit der fünften Klasse, zusammen mit drei weiteren Jungs aus ihrer Clique. Sie standen wie gewohnt an der alten Eiche, lachten und redeten lautstark. Paul drehte den Kopf – und erstarrte für einen kurzen Augenblick. Dann brach ein ungläubiges, dröhnendes Lachen aus ihm heraus. „Alter, Max?! Was zur Hölle…?!“ Er zeigte mit dem Finger auf ihn und krümmte sich vor Lachen. „Seht ihr das? Max trägt Mädchenklamotten! Voll das Outfit von Laura, oder was?!“ Die anderen Jungs schauten herüber. Erst verwirrt, dann prusteten auch sie los. Einer klopfte Paul begeistert auf die Schulter, ein anderer machte eine abfällige Bemerkung über „Zwillingstricks“. Das schadenfrohe Lachen hallte über den halben Schulhof. Max spürte, wie ihm die Hitze kochend heiß ins Gesicht schoss. Seine Augen füllten sich im selben Moment mit Tränen, die er verzweifelt zurückzuhalten versuchte. Seine Kehle schnürte sich zu. Ohne ein einziges Wort zu sagen, senkte er den Kopf noch tiefer und eilte an ihnen vorbei. Die Absätze der Chelsea Boots klackerten hastig auf dem Asphalt. Er hörte noch, wie Paul ihm etwas hinterherrief, aber er verstand es nicht mehr – das eigene Blut rauschte viel zu laut in seinen Ohren. Er bog überstürzt um die Ecke des Schulgebäudes und flüchtete in eine ruhige Nische zwischen der Sporthalle und den Fahrradständern. Dort lehnte er sich mit dem Rücken gegen die kalte Klinkerwand, atmete stoßweise und wischte sich mit dem Ärmel des Sweatshirts über die feuchten Augen. „Scheiße… Scheiße…“, flüsterte er verzweifelt vor sich hin.Plötzlich hörte er rasche Schritte. Mädchenstimmen. Lauras Freundinnen – Julia, Sophie und Mia – kamen um die Ecke gelaufen, auf dem Weg zum Haupteingang. Im ersten Moment blieben sie wie angewurzelt stehen. „Laura?!“, rief Sophie mit erstaunter Hofnung in der Stimme und machte einen schnellen Schritt nach vorn. „Oh mein Gott, du bist wach?! Du…“ Dann stockte sie. Die Ähnlichkeit war verblüfend – dieselben Haare, dieselbe Figur, dasselbe Gesicht. Doch die geduckte Haltung, die geröteten Augen, die Art, wie Max die Schultern hochzog… Es war nicht Laura. Julia erkannte ihn als Erste. „Max…?“ Die drei Mädchen starrten ihn an – erst vollkommen überrascht, dann mit rasch wachsendem Mitgefühl. Max stand hilflos da, die Hände tief in den Ärmeln des Oversize-Sweatshirts vergraben. „Hey…“, sagte Julia sanft und trat behutsam an ihn heran. „Was ist passiert? Du siehst aus, als hättest du gerade den schlimmsten Moment deines Lebens durchgemacht.“ Max schluckte schwer. Die Tränen, die er eben noch bekämpft hatte, brachen sich nun Bahn. Stockend erzählte er ihnen, was geschehen war: der Schulbus, Pauls grausames Lachen, die anderen Jungs. Wie gedemütigt er sich fühlte. Dass er einfach nur Lauras Nähe gesucht hatte und am Morgen im Halbschlaf gar nicht mehr darüber nachgedacht hatte, was das für die Schule bedeutete. Die Mädchen hörten ihm stumm zu. Sophie legte ihm aufmunternd einen Arm um die Schulter, Mia strich ihm beruhigend über den Rücken. „Paul ist so ein unendlicher Vollidiot“, murmelte Mia wütend. Julia, Lauras beste Freundin, wurde blass vor Zorn. Ihre Augen blitzten gefährlich. „Der spinnt wohl komplett! Warte mal kurz…“ Entschlossen drehte sie sich um und marschierte mit geballten Fäusten zurück in Richtung der alten Eiche. Doch noch bevor sie die Gebäudeecke umrundet hatte, sah sie, wie ein Lehrer – Herr Bergmann, der Vertrauenslehrer – direkt auf Paul und seine Gruppe zuging. Sein Gesicht war ernst, seine Haltung unmissverständlich. Mit einer klaren Handbewegung forderte er die Jungs auf, sich aufzustellen, und begann mit ihnen in scharfem Ton zu sprechen. Den Jungs verging das Lachen augenblicklich. Julia blieb stehen, beobachtete die Szene zufrieden für einen Moment, wandte sich dann wieder ab und kehrte zu Max zurück. Sie lächelte ihn sanft, aber voller Entschlossenheit an.

End of Chapter 10

Chapter 10: Der erste Tag zurück - Was im Schatten wächst | Novel AI Studio