Die kalte Morgenluft schlug Max entgegen, als er aus dem Bus stieg. Sein Herz hämmerte
so laut gegen die Rippen, dass er glaubte, alle Umstehenden müssten es hören. Er zog den
Rucksack fest an sich, senkte den Blick und ging mit schnellen, unsicheren Schritten über
den Schulhof. Die Leggings schmiegte sich bei jedem Schritt eng an seine Beine, das
Oversize-Sweatshirt wehte leicht im kalten Wind. Er hofte inständig, dass niemand ihn
genauer ansah – dass er einfach unsichtbar durch das Gewimmel aus Schülern gleiten
könnte.
Mehrere Lehrer, die gerade in kleinen Gruppen eintrafen, warfen ihm kurze, aufmerksame
Blicke zu. Sie waren im Vorfeld von der Schulleitung über Max’ Situation informiert worden:
die lebensgefährliche Verletzung seiner Zwillingsschwester, sein Zustand und seine
außergewöhnliche Art zu trauern. Man hatte sie gebeten, die Lage sensibel zu beobachten
und bei möglichen Anfeindungen sofort einzugreifen. Davon ahnte Max jedoch nichts. Für
ihn fühlte sich jeder einzelne Blick wie ein brennender Scheinwerfer an.
Er war fast schon am Haupteingang angekommen, als er sie sah: Paul, seinen besten
Freund seit der fünften Klasse, zusammen mit drei weiteren Jungs aus ihrer Clique. Sie
standen wie gewohnt an der alten Eiche, lachten und redeten lautstark.
Paul drehte den Kopf – und erstarrte für einen kurzen Augenblick. Dann brach ein
ungläubiges, dröhnendes Lachen aus ihm heraus.
„Alter, Max?! Was zur Hölle…?!“
Er zeigte mit dem Finger auf ihn und krümmte sich vor Lachen. „Seht ihr das? Max trägt
Mädchenklamotten! Voll das Outfit von Laura, oder was?!“
Die anderen Jungs schauten herüber. Erst verwirrt, dann prusteten auch sie los. Einer
klopfte Paul begeistert auf die Schulter, ein anderer machte eine abfällige Bemerkung über
„Zwillingstricks“. Das schadenfrohe Lachen hallte über den halben Schulhof.
Max spürte, wie ihm die Hitze kochend heiß ins Gesicht schoss. Seine Augen füllten sich im
selben Moment mit Tränen, die er verzweifelt zurückzuhalten versuchte. Seine Kehle
schnürte sich zu. Ohne ein einziges Wort zu sagen, senkte er den Kopf noch tiefer und eilte
an ihnen vorbei. Die Absätze der Chelsea Boots klackerten hastig auf dem Asphalt. Er hörte
noch, wie Paul ihm etwas hinterherrief, aber er verstand es nicht mehr – das eigene Blut
rauschte viel zu laut in seinen Ohren.
Er bog überstürzt um die Ecke des Schulgebäudes und flüchtete in eine ruhige Nische
zwischen der Sporthalle und den Fahrradständern. Dort lehnte er sich mit dem Rücken
gegen die kalte Klinkerwand, atmete stoßweise und wischte sich mit dem Ärmel des
Sweatshirts über die feuchten Augen.
„Scheiße… Scheiße…“, flüsterte er verzweifelt vor sich hin.Plötzlich hörte er rasche Schritte. Mädchenstimmen. Lauras Freundinnen – Julia, Sophie
und Mia – kamen um die Ecke gelaufen, auf dem Weg zum Haupteingang. Im ersten
Moment blieben sie wie angewurzelt stehen.
„Laura?!“, rief Sophie mit erstaunter Hofnung in der Stimme und machte einen schnellen
Schritt nach vorn. „Oh mein Gott, du bist wach?! Du…“
Dann stockte sie. Die Ähnlichkeit war verblüfend – dieselben Haare, dieselbe Figur,
dasselbe Gesicht. Doch die geduckte Haltung, die geröteten Augen, die Art, wie Max die
Schultern hochzog… Es war nicht Laura.
Julia erkannte ihn als Erste. „Max…?“
Die drei Mädchen starrten ihn an – erst vollkommen überrascht, dann mit rasch
wachsendem Mitgefühl. Max stand hilflos da, die Hände tief in den Ärmeln des
Oversize-Sweatshirts vergraben.
„Hey…“, sagte Julia sanft und trat behutsam an ihn heran. „Was ist passiert? Du siehst aus,
als hättest du gerade den schlimmsten Moment deines Lebens durchgemacht.“
Max schluckte schwer. Die Tränen, die er eben noch bekämpft hatte, brachen sich nun
Bahn. Stockend erzählte er ihnen, was geschehen war: der Schulbus, Pauls grausames
Lachen, die anderen Jungs. Wie gedemütigt er sich fühlte. Dass er einfach nur Lauras Nähe
gesucht hatte und am Morgen im Halbschlaf gar nicht mehr darüber nachgedacht hatte, was
das für die Schule bedeutete.
Die Mädchen hörten ihm stumm zu. Sophie legte ihm aufmunternd einen Arm um die
Schulter, Mia strich ihm beruhigend über den Rücken.
„Paul ist so ein unendlicher Vollidiot“, murmelte Mia wütend.
Julia, Lauras beste Freundin, wurde blass vor Zorn. Ihre Augen blitzten gefährlich. „Der
spinnt wohl komplett! Warte mal kurz…“
Entschlossen drehte sie sich um und marschierte mit geballten Fäusten zurück in Richtung
der alten Eiche.
Doch noch bevor sie die Gebäudeecke umrundet hatte, sah sie, wie ein Lehrer – Herr
Bergmann, der Vertrauenslehrer – direkt auf Paul und seine Gruppe zuging. Sein Gesicht
war ernst, seine Haltung unmissverständlich. Mit einer klaren Handbewegung forderte er die
Jungs auf, sich aufzustellen, und begann mit ihnen in scharfem Ton zu sprechen. Den Jungs
verging das Lachen augenblicklich.
Julia blieb stehen, beobachtete die Szene zufrieden für einen Moment, wandte sich dann
wieder ab und kehrte zu Max zurück.
Sie lächelte ihn sanft, aber voller Entschlossenheit an.