Chapter 8 of 22
Heiligabend
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Es war Heiligabend, der 24. Dezember. Draußen lag tiefer Schnee; die Welt schien weiß,
still und innegehalten, nur ab und zu unterbrochen vom fernen Läuten der Kirchenglocken.
Im Reihenhaus der Familie herrschte schon seit den frühen Morgenstunden betriebsamesLeben. Der Vater stand bereits seit fünf Uhr in der Küche, die Ärmel hochgekrempelt, und
bereitete das traditionelle Festessen vor: zarte Rinderrouladen, die er sorgfältig wickelte, mit
Senf bestrich, mit Speck, Zwiebeln und Gurken füllte und anschließend in der schweren
Gusspfanne scharf anfing. Die Bratensauce köchelte langsam vor sich hin – dunkel,
aromatisch und mit Rotwein sowie Kräutern verfeinert. Daneben dampften die
selbstgemachten Kartofelklöße, und der Rotkohl blubberte leise in einem großen Topf,
süß-säuerlich mit Apfelstücken und Nelken.
Die Mutter huschte durchs Haus und kümmerte sich um die letzten Details: frische
Tannenzweige auf dem Kaminsims, goldene und rote Kugeln am Christbaum, der nun
endlich festlich enthüllt werden durfte. Überall flackerten Kerzen, und der warme Duft von
Zimt und Orangen mischte sich mit den herzhaften Aromen aus der Küche. Es war, als
wollte die Familie mit aller Macht einen Ort der Zuflucht und Normalität schafen.
Oben im Zimmer schlief Max noch tief und fest, eingerollt in Lauras Decke, den Kopf tief in
ihrem Kissen vergraben. Der Duft des Festessens stieg langsam die Treppe empor, drang
durch die Türritzen und weckte ihn sanft. Er blinzelte ins gedämpfte Winterlicht, streckte sich
und spürte die vertraute Weichheit ihrer Bettwäsche. Für einen Augenblick lag er einfach nur
da und atmete tief ein. Dann stand er auf, ging ins Bad und duschte lange und heiß, bis das
warme Wasser die letzte Müdigkeit aus seinen Gliedern vertrieb.
Zurück im Zimmer trat er – wie in den letzten Wochen ganz selbstverständlich – direkt vor
Lauras Schrankhälfte. Seine eigene Seite würdigte er kaum eines Blickes. Er stöberte durch
die Kleiderbügel auf der Suche nach etwas Festlichem. Und er fand es: ihr Heiligabend-Kleid
aus dem letzten Jahr. Ein knielanges, schwingendes Kleid aus tiefweinrotem, weichem
Samt, mit einem dezenten Ausschnitt, einem schmalen Taillengürtel und leicht ausgestellten
Ärmeln.
Dazu wählte er eine feine, zart schimmernde Strumpfhose in einem sanften Hautton. Die
Schuhe: schwarze Pumps aus weichem Leder mit mittelhohem Blockabsatz und einer
kleinen Zierschnalle. Ein kurzes, schwarzes Strickjäckchen mit Perlenknöpfen rundete das
Ensemble ab.
Er zog die Sachen bedacht und ohne Eile an.
Zuerst die Strumpfhose: Der Stoff war seidig-glatt und schmiegsam, legte sich kühl und
makellos von den Zehen bis zur Taille an seine Beine. Der Bund saß bequem. Dann das
Kleid: Er stieg hinein und zog es hoch. Der schwere Samt fühlte sich luxuriös an, strich sanft
über seine Haut und passte an den Schultern und der Taille genau. Das Kleid fiel fließend
und schwang bei jeder kleinen Bewegung mit. Das schwarze Jäckchen darüber schützte
gegen die Winterkälte.
Anschließend setzte er sich vor den Spiegel. Seine dunkelblonden Haare waren über die
Wochen nachgewachsen und reichten ihm mittlerweile fast bis zu den Schultern – genau wie
bei Laura. Mit ihrem Lockenstab drehte er sanfte Wellen hinein und fixierte sie mit etwas
Haarspray. Das Make-up hielt er schlicht, ganz so, wie er es in den letzten Tagen geübt
hatte: ein wenig Foundation für einen ebenmäßigen Teint, etwas Mascara für die Wimpern
und ein roséfarbenes Lipgloss.
Als er fertig war, trat er vor den großen Spiegel an der Schranktür. Er sah festlich aus.
Genau so, wie Laura an diesem Tag ausgesehen hätte.
Er ging die Treppe hinunter. Der köstliche Duft aus der Küche empfing ihn. Sein Vater drehte
sich vom Herd um und lächelte ihm warm entgegen. „Frohe Weihnachten, mein Sohn.“ Kein
Erstaunen, kein Zögern – nur eine herzliche Umarmung.
Auch die Mutter trat hinzu und nahm ihn fest in den Arm. „Du siehst wunderschön aus, Max.“Max setzte sich an den Küchentisch, half beim Schnippeln von Gemüse, sprach mit seinem
Vater über das Rezept und über alte Erinnerungen. Es fühlte sich überraschend leicht und
vertraut an.
Am Nachmittag deckten sie den Esstisch im Wohnzimmer: weißes Tischtuch, Silberbesteck
und die guten Kristallgläser. Die Rinderrouladen waren butterweich, die Sauce perfekt
abgeschmeckt, die Klöße flufig. Sie aßen ohne Eile, unterhielten sich und lachten sogar
über alte Geschichten. Es war das erste Essen seit zwei Monaten, das nicht von lähmendem
Schweigen erdrückt wurde.
Später stand traditionell der Gang zur Christmette an. Sie zogen ihre Mäntel und Schals
über.
Sie stiegen ins Auto und fuhren los. Max saß auf der Rückbank und blickte hinaus auf die
verschneite Vorstadt. Als sein Vater jedoch nicht in Richtung der Gemeindekirche abbog,
sondern die Aufahrt zur Autobahn wählte – in Richtung Uniklinik –, begriff Max
augenblicklich. Er sagte nichts. Aber eine tiefe Dankbarkeit erfüllte ihn.
Die ersten Schritte durch die Schiebetüren der Klinik fielen ihm schwer. Der Geruch nach
Desinfektionsmittel, das kühle Licht, das leise Summen der Aufzüge – all das weckte
Erinnerungen. Seine Knie wurden weich, aber seine Eltern gingen dicht an seiner Seite und
gaben ihm Halt.
Vor Lauras Zimmer auf der Intensivstation hielt er kurz inne. In diesem Moment wurde ihm
bewusst, wie er hier stand: im weinroten Samtkleid seiner Schwester, auf feinen Absätzen,
mit gestylten Haaren und Make-up. Die feine Ironie der Situation ließ ein leises, befreiendes
Lächeln auf seinen Lippen entstehen. Laura hätte das geliebt, dachte er bei sich.
Sie traten ein. Das Krankenzimmer war ruhig. Das gleichmäßige Piepen der Geräte
begleitete das gedämpfte Licht. Laura lag da, friedlich und unverändert.
Max trat an ihr Bett, setzte sich auf den Stuhl und nahm behutsam ihre Hand. Sie war warm.
„Frohe Weihnachten, Sis“, flüsterte er leise. „Ich habe dein Kleid an. Es steht dir bestimmt
besser… aber heute trage ich es für dich mit.“
Er blieb bei ihr, erzählte ihr vom Schnee draußen, vom Essen des Vaters und von den
Spielen am vergangenen Sonntag. Er wünschte ihr von Herzen, dass sie bald aufwachte,
damit sie das nächste Weihnachtsfest wieder gemeinsam verbringen konnten.
Seine Eltern blieben im Hintergrund und überließen ihm diesen Raum.
Nach einer Weile beugte sich Max noch einmal zu ihr hinunter und drückte sanft ihre Finger.
„Ich verspreche dir was“, flüsterte er so leise, dass nur sie es hören konnte. „Irgendwann
gehen wir hier wieder zusammen raus. Du und ich. Wie immer.“
Dann verließen sie das Zimmer.
Diesmal brannte kein schrecklicher Schmerz in seiner Brust. Der Abschied fühlte sich nicht
wie ein Verlust an, sondern wie ein Versprechen.
Zu Hause tranken sie noch eine Tasse Tee am Kamin, ehe Max nach oben ging.
Er zog das Samtkleid behutsam aus, hängte es zurück in den Schrank und schlüpfte in
Lauras weichen Schlafanzug. Er legte sich in ihr Bett und dachte lange über den Tag nach –
über die Nähe, das Vertrauen seiner Eltern und das Gefühl von Frieden.
Und er schlief ruhig ein. Mit einem ersten, festen Funken Hofnung im Herzen.