Chapter 15 of 22

Perfekt vorbereitet

785 words

Der nächste Schultag begann ungewöhnlich früh. Es war noch nicht einmal halb sieben, als es energisch und kurz hintereinander an der Haustür klingelte. Max’ Vater schlurfte verschlafen in seinem Bademantel den Flur entlang und öfnete die Tür. Julia stand auf der Stufe – frisch gestylt, eine große Tasche über der Schulter und mit einem absolut entschlossenen Blick. Ohne abzuwarten, stürmte sie wie früher selbstverständlich ins Haus hinein. „Guten Morgen, Herr Meier!“, rief sie fröhlich und war schon auf dem Weg nach oben. Max’ Vater blinzelte müde, schüttelte schmunzelnd den Kopf und murmelte leise: „Manche Dinge ändern sich wohl nie…“ Er kannte dieses feurige Temperament von früher viel zu gut und hinterfragte es gar nicht erst. Stattdessen ging er in die Küche und setzte erst einmal eine große Kanne Kafee auf. Julia stürmte derweil auf direktem Weg ins Zimmer der Zwillinge. Max lag noch tief und fest schlafend in Lauras Bett, die Decke bis über die Ohren gezogen. „Aufstehen, Prinzessin!“, rief Julia lautstark und riss die Decke mit einem einzigen Ruck weg. „Heute wird nicht getrödelt!“ Max fuhr erschrocken hoch, völlig überfordert und mitten aus einem Traum gerissen. „Julia?! Was… was zur Hölle machst du hier? Wie spät ist es überhaupt?“ „Zeit, dich endlich richtig herzurichten“, antwortete sie uneinnehmbar und stemmte die Hände in die Hüften. „Dein Make-up gestern war ehrlich gesagt amateurhaft, die Haare waren total ungleichmäßig gestylt und das Outfit hat vorne und hinten nicht zusammengepasst. Heute übernehme ich das Kommando.“Max war noch viel zu benommen, um auch nur den geringsten Widerstand zu leisten. Julia scheuchte ihn ohne Umschweife ins Badezimmer. „Duschen. Jetzt. Und gründlich, wir haben keine Zeit für halbe Sachen.“ Während Max unter der Dusche stand und das heiße Wasser über seinen Körper laufen ließ, machte sich Julia im Zimmer ans Werk. Sie stöberte trefsicher in Lauras Kleiderschrank und legte ein perfekt abgestimmtes Ensemble auf dem Bett bereit: eine enge, dunkle High-Waist-Jeans, ein weiches, cremefarbenes Rippenstrick-Top mit leichten Pufärmeln und eine dazu passende kurze Strickjacke. Dazu die richtigen Strümpfe und Schuhe. Anschließend schloss sie den Lockenstab an, breitete die Make-up-Utensilien auf Lauras Schminktisch aus und sortierte Pinsel, Schwämmchen und Töne vor. Als Max frisch geduscht und nur mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad trat, ließ Julia ihm keine Sekunde zum Durchatmen. Sie drückte ihn direkt auf Lauras Schminkstuhl. „Sitz still und beweg dich nicht.“ Zuerst kümmerte sie sich um die Haare. Julia arbeitete hochkonzentriert mit dem Lockenstab und drehte weiche, gleichmäßige Wellen, die Lauras vertraute Friseur perfekt imitierten. Dann folgte das Make-up: eine ebenmäßige Foundation, etwas Concealer, ein dezenter Lidschatten, der die Augen optisch öfnete, präzise aufgetragene Mascara und ein zarter, natürlicher Lippen-Ton. Zum Schluss streifte Max das bereitgelegte Outfit an – alles saß makellos. Als Julia fertig war, trat sie zufrieden einen Schritt zurück. Max trat vor den großen Spiegel und starrte hinein. Er konnte seinen eigenen Augen kaum glauben. Das Mädchen, das ihm aus dem Glas entgegenblickte, war Laura – nahezu zum Verwechseln ähnlich. Feminin, elegant und voller Ausstrahlung. Die dunkelblonden Haare fielen in weichen Wellen über seine Schultern, das Make-up hob seine feinen Gesichtszüge hervor und die Kleidung saß wie eine zweite Haut. „Wow…“, flüsterte er vollkommen überwältigt. Julia grinste stolz. „Jetzt siehst du genau so aus, wie Laura es verdient hätte.“ Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter in die Küche. Max’ Vater hatte bereits dampfende Tassen bereitgestellt und drehte sich um, als die beiden eintraten. Für einen kurzen, schmerzhaften Sekundenbruchteil weiteten sich seine Augen – für einen Moment glaubte er wahrhaftig, seine Tochter stünde lebendig vor ihm. Doch gleich darauf holte ihn die Realität wieder ein. Er lächelte seinen Sohn warm an. „Du siehst… wunderschön aus, Max.“ In genau diesem Augenblick klingelte es erneut an der Haustür. Der Vater öfnete wieder. Diesmal trat Paul ein, ebenfalls eine Tasche über der Schulter und mit einem fokussierten Blick. „Guten Morgen, Paul“, sagte Max’ Vater mit einem leicht amüsierten Unterton. „Dir natürlich auch einen guten Morgen.“ Paul nickte verlegen und wandte sich sofort an Max. „Hör zu, ich will dich direkt auf den neusten Stand bringen. In den letzten zwei Monaten hat sich ein bisschen was verändert: Wir haben eine neue Sitzordnung in Bio, der Vertretungslehrer in Englisch ist extrem streng und in den Pausen meiden alle die Ecke hinter den Fahrradständern, weil… na ja, du weißt schon.“ Während Paul ihm im Eiltempo alle wichtigen Details für den Schultag erklärte, schenkte der Vater auch ihm eine Tasse Kafee ein. Die drei saßen kurz am Esstisch, besprachen die wichtigsten Punkte und tranken aus. Als die Tassen leer waren, stand Max auf. Eine leichte Nervosität stieg in ihm auf, doch er fühlte sich gerüstet.„Dann los“, sagte er leise. Julia und Paul nickten entschlossen. Gemeinsam traten sie hinaus in den Morgen.

End of Chapter 15