Chapter 16 of 22

Die Grenze

759 words

Vor der Haustür warteten bereits Sophie und Mia in ihren dicken Schals gegen die kühle Morgenseite. Sie begrüßten Max mit einem strahlenden Lächeln und einer warmen, ehrlichen Umarmung. Mia blickte Max erstaunt an. „Wow… Julia, du bist echt eine Künstlerin. Er sieht fantastisch aus.“ Gemeinsam machten sich die fünf auf den Weg zur Bushaltestelle. Im Bus rückte die Gruppe eng zusammen. Julia und Sophie sprachen Max leise Mut zu, während Mia mit ein paar lustigen Anekdoten aus der letzten Woche versuchte, die Anspannung aufzulockern. „Du schafst das heute. Wir stehen alle wie eine Eins hinter dir“, sagte Julia bestimmt. Max nickte und spürte, wie die lähmende Beklemmung in seiner Brust langsam nachließ. An der Schule angekommen, war die Veränderung unübersehbar. Max ging nicht mehr mit gesenktem Kopf und unsicheren Schritten über den Hof. Er hielt das Kinn oben, die Schultern zurück, der Gang war aufrecht und fest. Das perfekte Outfit und Julias Arbeit gaben ihm eine spürbare Rüstung. Mia stupste Julia leise an. „Wirklich, meisterhaft gemacht.“ Julia lächelte stolz. „Danke. Und nach der Schule komme ich direkt mit zu dir, Max. Ich zeige dir Schritt für Schritt alles – Haare, Make-up, Outfit. Damit du das auch allein hinkriegst und nicht immer auf mich angewiesen bist.“ Die Gruppe stand noch etwas abseits auf dem Schulhof und wartete auf den Gong, als plötzlich Kevin und Jonas aus Pauls und Max’ alter Clique auf sie zukamen. Beide grinsten breit und hämisch. „Na sieh mal einer an“, rief Kevin laut über den Hof. „Unsere neue Prinzessin ist wieder da!“ Jonas lachte dreckig. „Passt ja zu den Klamotten. Oder soll ich ab jetzt Maxine zu dir sagen?“ Julia wollte gerade wutentbrannt loslegen, um die beiden verbal zu zerschmettern, doch Paul war schneller. Er trat einen entschlossenen Schritt vor, schubste Kevin energisch zurück und stellte sich wie ein Schild vor Max. „Haltet verdammt noch mal die Fresse! Habt ihr nichts Besseres zu tun, als über euren eigenen Freund herzuziehen? Ernsthaft?“ Jonas lachte nur spöttisch. „Jetzt verteidigst du auch noch diesen… dieses Mädchen? Paul, du bist doch einer von uns! Warum stellst du dich auf die Seite von dem da?“ Pauls Gesicht lief rot an, seine Stimme wurde schneidend und wütend: „Weil Laura im Krankenhaus im Koma liegt, ihr Vollidioten! Max geht durch die Hölle und ihr habt nichts Besseres zu tun, als euch darüber lustig zu machen? Seid ihr eigentlich noch ganz sauber?!“ Die Stimmung kochte augenblicklich über. Worte wurden zu Schreien, Beschimpfungen flogen hin und her. Plötzlich holte Jonas aus dem Hinterhalt aus und wollte Paul mit voller Wucht ins Gesicht schlagen. Doch bevor die Faust ihr Ziel traf, sauste Julias schwere Schultasche mit voller Wucht durch die Luft. Sie traf Jonas seitlich an Kopf und Schulter. Er stolperte, verlor völlig das Gleichgewicht und krachte mit einem überraschten Keuchen unsanft auf den Asphalt.Im selben Moment kam Herr Bergmann mit schnellen Schritten herbeigeeilt. „Sofort aufhören! Alle auseinander!“ Er trennte die Gruppen energisch. Während Kevin und Jonas von einem anderen Lehrer weggeführt wurden, riefen Paul und Max ihnen hinterher: „Wir sind fertig mit euch! Wir wollen nichts mehr mit euch zu tun haben – wir sind zutiefst enttäuscht von euch!“ Herr Bergmann führte die Gruppe um Max, Paul, Julia, Sophie und Mia direkt vor das Sekretariat. „Wartet hier“, sagte er ernst und verschwand hinter der verschlossenen Tür des Schulleiters. Nach ein paar angespannten Minuten kam er wieder heraus und winkte die fünf in sein Besprechungszimmer. „Setzt euch“, begann er ruhig, aber mit tiefem Ernst in der Stimme. „Ich finde es grundsätzlich gut, dass ihr Max verteidigt. Das zeigt Charakter und Zusammenhalt. Aber so eine körperliche Auseinandersetzung ist nie die Lösung. Das geht selten gut aus und hat hier auf dem Schulhof nichts zu suchen.“ Er seufzte kurz und schaute jeden einzeln an. „Eigentlich müsste ich hier deutlich härter durchgreifen. Aber das ist eine besondere Ausnahmesituation, die man nicht pauschal handhaben kann. Ich habe mit dem Schulleiter gesprochen: Ihr alle fünf seid bis zum Ende der Woche vom Unterricht freigestellt.“ Die Jugendlichen starrten ihn überrascht an. „Versteht das bitte nicht als Strafe“, betonte Herr Bergmann sofort. „Das ist es nicht. Ich möchte einfach, dass ihr in aller Ruhe über die Situation nachdenkt. Wie man solche Konflikte in Zukunft gewaltfrei lösen kann. Und vor allem, dass ihr erst mal den Kopf frei bekommt.“ Er lehnte sich zurück. „Am Montag nach dem Wochenende will ich euch alle um Punkt 8:30 Uhr wieder hier in meinem Büro sehen. Dann möchte ich wissen, zu welchen Ergebnissen ihr gekommen seid.“ Die Gruppe saß still da, während die Worte langsam in ihnen sickerte.

End of Chapter 16