Nach einer Weile verabschiedeten sich alle leise von Laura. Die Eltern umarmten sie sanft,
während Julia, Sophie und Mia ihr liebevolle Worte zufuhlten und behutsam über ihre Hand
strichen. Einer nach dem anderen verließ leise das Krankenzimmer, bis nur noch Max
zurückblieb.
„Ich komme gleich nach“, murmelte er leise in Richtung der Tür.
Das Holz schloss sich mit einem leisen Klicken hinter den anderen. Schlagartig wurde es still
im Raum – nur das gleichmäßige, monotone Piepen der Monitore und das rhythmische
Zischen des Beatmungsgeräts durchbrachen die Stille.
Max setzte sich auf den Stuhl direkt neben Lauras Bett, nahm ihre warme, reglose Hand in
seine und drückte sie sanft. Er atmete einmal tief durch, um sich zu sammeln.
„Also… erster Schultag ohne dich“, begann er leise und rang sich ein leichtes, schiefes
Lächeln ab. „War… sagen wir: sehr interessant.“
Er erzählte ihr alles. Von dem Moment, als er aus dem Bus gestiegen war, über den
Schulhof ging und wie Paul gelacht hatte. Doch er spielte die Situation bewusst herunter;
seine Stimme blieb sanft und unbeschwert.
„Du kennst doch unseren Hohlkopf. Paul ist halt Paul. Du hättest wahrscheinlich genauso
gelacht, Sis. ‚Max im Mädchen-Outfit‘ – ich sehe dein Grinsen förmlich vor mir.“
Er erzählte weiter, wie Julia, Sophie und Mia ihn sofort in ihre Mitte genommen hatten und
den gesamten Tag über nicht von seiner Seite gewichen waren.
„Ein paar fantastische Freundinnen hast du da, ehrlich. Die haben mir heute echt den
Hintern gerettet. Ohne die drei wäre ich wahrscheinlich nach der ersten Pause wieder nach
Hause gerannt.“
Er berichtete vom Unterricht – wie der Mathelehrer eine viel zu komplizierte Aufgabe an die
Tafel gezeichnet hatte und von dem einen Mitschüler in der Mensa, der sich versehentlich
das ganze Glas Kirschsaft über sein weißes Hemd geschüttet hatte und danach wie ein
wandelnder Fleck durch den Flur lief. Kleine Alltagsgeschichten, genau so, wie sie es früher
nach der Schule immer getan hatten. Er erzählte mit einer Leichtigkeit, als würde Laura
jeden Moment die Augen aufschlagen und ihm eine freche Antwort entgegnen.
Nach einer Weile wurde seine Stimme leiser. Er saß noch ein paar Minuten einfach nur
stumm da, hielt ihre Hand und genoss das ruhige Beisammensein.
Schließlich stand er auf, beugte sich behutsam über sie und drückte ihr einen zarten
Abschiedskuss auf die Stirn.„Bis bald, Laura. Schlaf gut. Ich komme wieder.“
Er ließ ihre Hand langsam los, strich noch einmal über ihre Finger – und hielt mitten in der
Bewegung inne.
Für einen Bruchteil einer Sekunde meinte er, spüren und sehen zu können, wie sich ihr
Zeigefinger minimal bewegte. Ein kaum wahrnehmbares, feines Zucken – so kurz, dass er
es fast nicht registriert hätte.
Max erstarrte auf der Stelle. Sein Blick brannte sich auf ihre Hand. Sein Herz begann
schlagartig gegen die Brust zu hämmern. Er wartete, hielt den Atem an. Fünf Sekunden.
Zehn Sekunden. Nichts. Alles blieb still und reglos wie zuvor.
Er schüttelte leicht den Kopf und lächelte bittersüß über sich selbst. „Jetzt sehe ich wohl
schon Gespenster… klar.“
Er drehte sich noch einmal um, warf einen letzten, langen Blick auf seine Schwester und
verließ leise das Zimmer.
Draußen auf dem Flur warteten die anderen bereits geduldig auf ihn – seine Eltern, Julia,
Sophie und Mia. Paul hatte sich nach der Entschuldigung bereits auf den Heimweg
gemacht.
„Alles in Ordnung, mein Schatz?“, fragte seine Mutter sanft.
Max nickte leise. „Ja. Ich habe ihr alles erzählt.“
Gemeinsam verließen sie das Uniklinikum. Die kühle, klare Abendluft empfing sie draußen.
Max ging mitten zwischen Julia und seiner Mutter, den Rucksack über die Schulter gehängt.
Bevor sie die Stufen zur Haltestelle hinuntergingen, blickte er noch ein allerletztes Mal
zurück zu dem beleuchteten Fenster der Intensivstation.
Was auch immer er geglaubt hatte zu sehen – es war vermutlich nur Wunschdenken
gewesen. Ein Streich seiner Sehnsucht.
Oder etwa doch nicht?