Chapter 13 of 22
Stimmen im Krankenzimmer
820 words
Der Nachmittag war bereits fortgeschritten, als Max, Julia, Sophie und Mia die
Intensivstation des Uniklinikums erreichten. Als sie den Flur vor Lauras Zimmer betraten,
blieben die vier abrupt stehen. Zwei vertraute Gestalten standen dort im gedämpften Licht:
Max’ Eltern.
Max’ Herz rutschte ihm augenblicklich in die Hose. Der Schrecken schoss schlagartig
zurück. Sie haben es mir verboten. Und jetzt erwischen sie mich ausgerechnet hier. Er blieb
wie angewurzelt stehen, die Gesichtsfarbe wich ihm vollkommen.
Doch sein Vater drehte sich um, erblickte ihn und lächelte überraschend warm. Er winkte ihn
mit einer sanften Handbewegung zu sich. „Komm her, mein Junge.“
Max trat zögerlich näher, die Mädchen folgten ihm mit unsicheren Blicken.„Ich bin weder sauer noch überrascht“, sagte sein Vater ruhig und legte ihm aufmunternd die
Hand auf die Schulter. „Das Verbot galt nur, um dich vor deinem eigenen emotionalen Zerfall
zu schützen. Aber du hast dich in den letzten Wochen so stark entwickelt – du gehst wieder
zur Schule, du redest wieder mit uns. Es gibt aktuell überhaupt keinen Grund mehr, warum
du Laura nicht besuchen dürftest.“
Seine Mutter trat hinzu und schloss ihn fest in die Arme. „Wir haben ehrlich gesagt schon auf
dich gewartet.“
Max blinzelte verwirrt. „Wieso denn?“
Die Mutter lächelte sanft. „Weil ich jahrelang mitbekommen habe, wie ihr zwei jeden
Nachmittag nach der Schule stundenlang im Zimmer zusammengesessen und euch alles
erzählt habt. Jeden Lehrer, jeden Streich, jedes kleine Drama. Es wäre doch völlig fremd,
wenn du jetzt plötzlich damit aufhören würdest. Laura würde das auch niemals wollen.“
Max spürte, wie eine riesige Last von seiner Brust abfiel. Die Erleichterung war so
überwältigend, dass ihm für einen Moment fast schwindelig wurde.
Sein Vater bemerkte nun die drei Mädchen, begrüßte sie herzlich und umarmte jede einzeln.
„Schön, dass ihr da seid. Das bedeutet Laura unglaublich viel.“ Dann blickte er fragend zu
Max. „Aber sag mal, wie kommt es eigentlich, dass du mit Lauras Mädels hier bist und nicht
mit Paul und den anderen Jungs?“
Max wich dem Blick aus, zuckte die Schultern und murmelte leise: „Ach, die hatten keine
Zeit… ist weiter nichts.“
Julia neben ihm ballte unwillkürlich die Fäuste in den Jackentaschen. Allein das Erwähnen
von Pauls Namen ließ ihren Kiefer spannen.
Gemeinsam betraten sie das Krankenzimmer. Es war still, nur das gleichmäßige, leise
Piepen der Monitore durchbrach die Ruhe. Max ging auf direktem Weg zu Lauras Bett,
beugte sich hinunter und drückte ihr einen behutsamen Kuss auf die Stirn.
„Hi Sis“, flüsterte er leise. „Ich habe dir Verstärkung mitgebracht.“
Sie versammelten sich alle um das Krankenbett. Nach einigen Minuten des stillen
Beisammenseins holte Max tief Luft und sagte leise, aber bestimmt:
„Ich habe nachgedacht… Ab morgen gehe ich wieder als Junge zur Schule. Der Stress
heute Morgen hat mir vollkommen gereicht. Ich halte diese Blicke und Sprüche nicht aus.“
Einen Augenblick lang herrschte überraschtes Schweigen im Raum. Dann protestierten
plötzlich alle gleichzeitig.
„Auf keinen Fall!“, rief Julia kippend.
„Das darfst du nicht tun!“, meinte Sophie entschieden.
Seine Mutter schüttelte energisch den Kopf. „Aber das hat dir doch so gutgetan, Max.“
Sein Vater nickte zustimmend. „Genau das meine ich auch. Die Nähe zu Laura gibt dir Kraft.
Du solltest das genau so weitermachen, solange es deine Seele tröstet.“
Alle redeten auf ihn ein, versuchten ihn umzustimmen. Die Argumente überschlugen sich –
dass die Ähnlichkeit ihm Halt gäbe, dass es therapeutisch wirke und dass Laura sich genau
das wünschen würde. Doch Max blieb starrköpfig. Die Erniedrigung am Morgen saß einfach
noch zu tief.
In genau diesem Moment öfnete sich leise die Tür zum Flur.
Paul stand im Türrahmen. Er hatte ofenbar schon eine ganze Weile draußen auf dem Gang
gestanden und alles mitangehört. Sein Gesicht war ernst, der Blick betrofen.
Julia fuhr augenblicklich herum, die Wut kehrte schlagartig in ihre Augen zurück. „Was willst
du denn jetzt auch noch hier?!“, zischte sie scharf.
Paul hob beschwichtigend beide Hände und trat langsam ins Zimmer. „Lauras Zustand
nimmt mich verdammt noch mal genauso mit. Das wisst ihr doch. Laura und Max warenimmer unzertrennlich… wenn wir früher was unternommen haben, waren unsere Cliquen
sowieso immer zusammen. Laura fehlt mir auch. Sehr sogar.“
Er trat direkt an Max heran. Seine Stimme war leise und frei von jeder Härte. „Mach das
weiter, wenn es dir hilft, Max. Ich war heute Morgen ein absoluter Vollidiot. Ich wusste es
einfach nicht besser. Es tut mir aufrichtig leid.“
Julia starrte ihn an. Die Schärfe in ihren Zügen wich langsam einer stummen Überraschung.
Sie entspannte sich spürbar.
Erst als Paul diese Worte gesagt hatte, nickte Max langsam und spürte, wie die Anspannung
nachließ. „Okay… dann mache ich morgen genau so weiter.“
Paul, Julia, Sophie und Mia sahen sich an und nickten einander zu. „Wir holen dich morgen
Früh von zu Hause ab“, bot Paul fest an. „Alle zusammen. Du gehst keinen Schritt mehr
allein zur Schule.“
Im Krankenzimmer stellte sich eine neue, friedliche Gemeinschaft ein – im ruhigen Beisein
von Laura, die still in ihrem Bett lag.