Chapter 12 of 22
Entschuldigung und Pläne
747 words
Die Mensa war wie gewohnt laut und überfüllt. Ein dichtes Stimmengewirr, das ständige
Klappern von Tabletts und der typische Geruch nach Kantinenessen – Kartofeln, dunkle
Soße und panierte Schnitzel – füllten den großen Raum. Max und die Mädchen hatten sich
bewusst einen Tisch in der hintersten Ecke gesucht, halb versteckt hinter einer massiven
Betonsäule. So wenig Aufmerksamkeit wie nur möglich. Julia setzte sich direkt neben Max,
während Sophie und Mia wie ein kleiner Schutzwall auf der gegenüberliegenden Seite Platz
nahmen.
Max stocherte nur lustlos in seinem Essen herum. Der Appetit war ihm längst vergangen,
aber die Nähe der Mädchen gab ihm in diesem Trubel zumindest ein wenig Halt.
Plötzlich ging ein leises Raunen durch die umliegenden Tische. Paul war in die Mensa
getreten. Er hielt kurz Ausschau und entdeckte die Gruppe in der Ecke sofort. Für einen
Augenblick stand er unschlüssig da, dann strafte er die Schultern und steuerte mit
gesenktem Kopf auf ihren Tisch zu.
Julia bemerkte ihn als Erste. Ihr Gesicht lief schlagartig rot vor Zorn an.
Paul blieb zwei Schritte vor Max stehen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.
„Max… ich…“
Weiter kam er nicht.
„Was willst du denn jetzt hier?!“, fuhr Julia ihn augenblicklich an. Ihre Stimme war so scharf
und laut, dass mehrere Schüler an den Nachbartischen überrascht aufschauten. „Nach dem,
was du dir heute Morgen auf dem Schulhof geleistet hast? Du bist echt der miese beste
Freund, den man sich überhaupt vorstellen kann! Wie kannst du es wagen,
hierherzukommen und so zu tun, als wäre nichts gewesen?! Du hast über ihn gelacht! Vor
der halben Schule! Während seine Zwillingsschwester schwer verletzt auf der Intensivstation
liegt und vielleicht nie wieder aufwacht!“
Julia redete sich rasend schnell in Rage. Ihre Hände gestikulierten wild. „Max geht durch die
Hölle, und das Einzige, was dir dazu einfällt, ist, dich über ihn lustig zu machen? Weil er die
Kleidung seiner Schwester trägt? Hast du überhaupt so etwas wie ein Gewissen?!“Paul stand wie angewurzelt da, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Er widersprach
nicht. Er versuchte nicht einmal, sich zu verteidigen. Er ließ die Wutausbrüche demütig über
sich ergehen, während ihm die Schamröte ins Gesicht stieg.
Als Julia schließlich außer Atem verstummte, hob Paul langsam den Kopf. Seine Stimme
war leise und rau.
„Du hast mit jedem einzelnen Wort recht, Julia. Ich… ich wusste es einfach nicht. Ich hatte
keine Ahnung, was mit Laura passiert ist. Ich wusste nur, dass beide seit Wochen gefehlt
haben. Max hat sich seit diesem Samstag bei niemandem aus der Clique gemeldet. Kein
Anruf, keine Nachricht, gar nichts. Ich dachte… ich dachte ehrlich, es wäre irgendetwas
anderes. Ein blöder Streich oder eine eigenartige Phase. Das war unendlich bescheuert und
empahtielos von mir. Es tut mir aufrichtig leid, Max. Wirktlich.“
Max konnte Paul während der gesamten Entschuldigung nicht in die Augen sehen. Er starrte
starr auf sein Tablett, die Knöchel seiner Hände weiß um die Gabel geklammert. Ein dicker
Kloß saß fest in seiner Kehle.
Paul wartete noch einen Moment auf eine Antwort, nickte dann verstehend und wandte sich
ohne ein weiteres Wort ab. Er ging langsam zu einem freien Einzeltisch am anderen Ende
der Mensa und setzte sich allein hin.
Julia starrte ihm perplex hinterher. Mit dieser Reaktion hatte sie absolut nicht gerechnet.
„Der… der hat sich ja tatsächlich ehrlich entschuldigt“, murmelte sie überrascht.
Der Rest der Mittagspause verlief ohne weitere Störungen. Die Mädchen versuchten
aufmerksam, Max auf andere Gedanken zu bringen: Sie erzählten kleine Anekdoten aus den
Schulstunden vor dem Unfall und teilten gemeinsame Erinnerungen an Laura. Es tat ihm
spürbar gut.
Auf dem Weg zurück zum Klassenzimmer hakte sich Julia sanft bei Max unter.
„Wir wollen nach der Schule zu Laura ins Krankenhaus fahren“, sagte sie leise. „Sophie, Mia
und ich. Kommst du mit uns?“
Max zögerte kurz. Die besorgten Worte seiner Eltern aus den letzten Wochen hallten in
seinem Kopf nach – dass er sich nicht wieder vollkommen in der Klinik verlieren sollte. Er
biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Doch als er in die ehrlichen Blicke der Mädchen
sah, wusste er, dass er nicht allein dort sein würde.
Er nickte langsam. „Ja… ich komme mit euch.“
Der restliche Unterricht vergeht wie im Flug. Die Mädchen wichen nicht von seiner Seite,
und niemand wagte weitere Kommentare. Paul hielt sich im Hintergrund, während die Lehrer
die Situation im Raum aufmerksam beobachteten.
Als die Glocke zur letzten Stunde schließlich verhallte, fühlte sich Max zwar körperlich und
seelisch erschöpft, aber zum ersten Mal seit vielen Wochen nicht mehr vollkommen isoliert.