Die Mädchen standen immer noch dicht um Max herum. Julia hatte aufmunternd einen Arm
um seine Schultern gelegt, während Sophie ihm ein Taschentuch reichte. Die erste Welle
der Aufregung legte sich langsam.
„Und… wie geht es Laura eigentlich?“, fragte Mia vorsichtig, fast flüsternd. „Gibt es
irgendwelche Neuigkeiten aus der Klinik?“
Max schüttelte langsam den Kopf und starrte auf die dunklen Spitzen seiner Chelsea Boots.
„Nein. Immer noch unverändert. Die Ärzte sagen, sie ist stabil… aber sie wacht einfach nicht
auf.“
Die Mädchen schwiegen betrofen. Julia drückte seine Schulter ein Stück fester. „Es tut mir
so unendlich leid, Max. Das muss die reinste Hölle für dich sein.“
In Julias Kopf reifte bereits ein Entschluss. „Pass auf, wir machen das heute gemeinsam. Ich
setze mich im Unterricht direkt neben dich, in den Pausen bleiben wir bei dir und…“In diesem Augenblick trat Herr Bergmann mit ruhigen, aber bestimmten Schritten an die
Gruppe heran. Der große, schlanke Vertrauenslehrer mit dem graumelierten Bart nickte den
Mädchen kurz zu und wandte sich dann direkt an Max.
„Max? Könntest du bitte kurz mit mir kommen? Nur ein kleines Gespräch unter vier Augen.“
Max wurde schlagartig bleich. Jetzt geht es los, schoss es ihm durch den Kopf. Jetzt kriege
ich richtig Ärger. Er warf den Mädchen einen hilflosen Blick zu, folgte Herrn Bergmann aber
ohne Widerrede. Julia, Sophie und Mia schauten den beiden besorgt hinterher.
„Meinst du, er bekommt jetzt richtig Stress?“, flüsterte Sophie, als die beiden im Trakt der
Lehrerzimmer verschwanden.
„Keine Ahnung“, sagte Julia und lehnte sich gegen die Wand. „Aber wenn Paul oder einer
von den anderen Krawallmachern ihn heute noch einmal blöd anmacht, dann lernen die
mich kennen.“
Die drei Mädchen blieben vor dem Trakt stehen und redeten leise weiter. Sie schlossen sich
fest zusammen: Wer wo neben Max sitzt, wer in den Pausen an seiner Seite bleibt und wie
sie neugierige oder dumme Blicke am besten abfangen können. „Wir sind ab heute sein
Schutzschild“, sagte Julia entschlossen. „Für Laura. Und für ihn.“
Im Besprechungsraum setzte sich Herr Bergmann Max gegenüber an den kleinen Tisch.
Das Zimmer war hell, mit einem großen Fenster zum Schulhof und ein paar Grünpflanzen
auf der Fenstersimskante. Max saß steif auf seinem Stuhl, die Hände im Schoß verkrampft.
„Zuerst einmal“, begann Herr Bergmann mit warmer, ruhiger Stimme, „möchte ich dir mein
tiefstes Mitgefühl aussprechen, Max. Was deiner Schwester zugestoßen ist, ist furchtbar. Ich
wünsche Laura von ganzem Herzen, dass sie wieder gesund wird. Sie ist eine starke junge
Frau – genau wie du viel Stärke in dir trägst.“
Max nickte stumm, während seine Augen erneut feucht wurden.
Der Lehrer fuhr behutsam fort: „Ich bin von deinen Eltern und der Schulleitung detailliert über
deine Situation informiert worden. Ich weiß, wie schwer diese Zeit für dich ist und warum
du… in dieser Kleidung hier bist.“ Er machte eine kurze, respektvolle Pause. „Ich werde dich
hier in der Schule nach Kräften unterstützen. Wenn dich jemand angeht oder dumm
kommentiert, greife ich sofort ein. Aber ich möchte auch ehrlich zu dir sein: Außerhalb
unseres Schulgeländes kann ich dich nicht beschützen. Du wirst lernen müssen, mit solchen
Reaktionen da draußen umzugehen. Das wird nicht leicht, aber du bist nicht allein.“
Max schluckte schwer. „Ich verstehe…“
„Ich biete dir an, dass wir uns zweimal in der Woche hier zusammensetzen. Nur zum Reden.
Du kannst alles abladen, was dich belastet. Kein Druck, keine Bewertung. Einfach ein
geschützter Raum.“
Max zögerte nur einen kurzen Moment, dann nickte er spürbar erleichtert. „Danke. Das…
das würde ich wirklich gerne machen.“
Herr Bergmann lächelte sanft. „Sehr gut. Und falls es für dich heute oder in den nächsten
Tagen doch noch zu viel werden sollte – wir können dich jederzeit weiter freistellen.
Niemand an dieser Schule würde das verurteilen.“
Max schüttelte jedoch fest den Kopf. „Nein. Es geht schon. Ich… ich muss irgendwie
weitermachen.“
„In Ordnung.“ Herr Bergmann stand auf und legte ihm aufmunternd die Hand auf die
Schulter. „Dann lass uns wieder rausgehen.“
Als sie den Raum verließen, warteten Julia, Sophie und Mia bereits wie eine kleine
Schutzmauer auf dem Flur. Kaum war Max auf dem Gang, umringten sie ihn sofort.
„Und? Was hat er gesagt?“, fragte Julia besorgt. „Gibt es Probleme? Hat er dir Vorwürfe
gemacht?“Max schüttelte den Kopf und brachte sogar ein leises, befreites Lächeln zustande. „Nein.
Alles gut. Er… er will mir helfen. Kein Ärger.“
Spürbare Erleichterung breitete sich in den Gesichtern der Mädchen aus. Julia knufte ihn
spielerisch in den Oberarm. „Na siehst du. Dann los – wir haben jetzt Unterricht. Ab heute
bleibst du fest bei uns.“
Und genau so wurde es gemacht.
Den gesamten Vormittag wichen die drei Mädchen nicht von Max’ Seite. Im Klassenzimmer
platzierten sie sich direkt neben und hinter ihm – Julia zu seiner Rechten, Sophie zu seiner
Linken. Sie reichten ihm unaufällig Notizen rüber und flüsterten ihm aufmunternde Worte zu,
wenn Mitschüler aus anderen Reihen zu lange herüberschauten. In den kurzen Pausen
bildeten sie einen engen Kreis um ihn und schirmten ihn gegen neugierige Blicke ab. Paul
und seine Freunde hielten sich aufällig im Hintergrund – Herr Bergmann hatte ofensichtlich
sehr deutliche Worte gefunden.
Als schließlich die Gong zur großen Pause ertönte und der Strom der Schüler Richtung
Mensa einsetzte, blieb die Gruppe geschlossen zusammen. Max ging in ihrer Mitte,
geschützt von Lauras besten Freundinnen, die fest entschlossen waren, ihn durch diesen
ersten schweren Tag zu tragen.
Die Türen der Mensa lagen direkt vor ihnen.