Chapter 4 of 22
Das Loch
909 words
Die ersten Wochen nach dem Unfall waren ein einziger Nebel aus Schmerz und
erdrückender Routine. Jeden Morgen, noch bevor die Sonne richtig aufging, stand Max auf,
zog sich mechanisch an – dieselbe Jeans, denselben Hoodie – und fuhr mit dem Bus zur
Uniklinik. Die Fahrt dauerte fünfundvierzig Minuten. Er saß stets am selben Fensterplatz und
starrte hinaus auf die vorbeiziehenden Häuser und die Menschen, die zur Arbeit hasteten,
als wäre die Welt da draußen noch immer dieselbe. In seinem Kopf wiederholte sich
unaufhörlich ein einziger Satz: Das kann nicht real sein. Gleich wache ich auf, Laura kommt
herein und beschwert sich, dass ich wieder ihren Platz am Schreibtisch besetzt habe.Im Krankenhaus ging er auf direktem Weg auf die Intensivstation. Die Schwestern kannten
ihn längst, nickten ihm nur stumm zu, wenn er den Flur entlangging. Lauras Zimmer war
unverändert geblieben: das gleichmäßige, leise Piepen der Monitore, der stechende Geruch
nach Desinfektionsmittel, das gedämpfte Licht. Sie lag da, reglos. Die Verbände an ihrem
Kopf waren kleiner geworden, die Zahl der Schläuche weniger, aber ihre Augen blieben
geschlossen. Ihre Hand war warm, wenn er sie in seine nahm, aber sie drückte nicht zurück.
Er redete mit ihr. Jeden einzelnen Tag. Er erzählte vom Wetter, von den Eltern, von der
Schule, die er kaum noch besuchte. „Heute hat es geschneit, Laura. Du wärst sofort
rausgegangen und hättest Schneebälle nach mir geworfen, wetten?“ Oder: „Marie hat
wieder geschrieben… aber ich hab nicht geantwortet. Es ist mir einfach egal.“ Manchmal
schwieg er auch nur stundenlang, legte den Kopf an ihre Bettkante und weinte leise vor sich
hin.
Nachts träumte er oft, dass sie aufwachte. Dass sie ihn ansah und lächelnd sagte: „Hey,
Bruderherz, warum so ein langes Gesicht?“ Und dann wachte er auf, allein in ihrem
gemeinsamen Zimmer, und die Realität schlug zu wie ein Fausthieb in die Magengrube.
Die Selbstvorwürfe fraßen ihn von innen auf. Immer wieder spielte sich der Samstagmorgen
vor seinem inneren Auge ab. Wenn er nicht so ewig im Bad gebraucht hätte… wenn es ihm
nicht so verflucht wichtig gewesen wäre, sich für Marie schick zu machen… wenn er einfach
fünf Minuten früher rausgegangen wäre und Laura pünktlich hätte losfahren können… Dann
wäre der Lkw längst vorbei gewesen. Dann hätte das andere Auto nicht ausscheren
müssen. Dann läge sie jetzt nicht hier.
Er hasste sich dafür. Hasste das Date, hasste Marie, hasste seinen eigenen Egoismus in
diesem einen fatalen Moment. „Es tut mir so leid, Laura“, flüsterte er jeden Tag an ihrem
Bett. „Es ist meine Schuld.“
Die Schule hatte ihn vorerst beurlaubt. „Familiäre Gründe“, hieß es ofiziell. Die Lehrer
schrieben besorgte E-Mails, Klassenkameraden schickten Genesungswünsche für Laura.
Aber Max las sie nicht einmal. Er fiel immer tiefer. Er aß kaum noch, schlief schlecht und
sprach mit niemandem mehr außer den Ärzten und seiner Schwester im Koma.
Nach zwei Monaten – es war kurz vor Weihnachten, draußen lag eine dichte Schneedecke
und die Stadt funkelte im Licht der Weihnachtsbeleuchtung – trafen seine Eltern eine
schmerzhafte Entscheidung. Sie sahen zusehenmüssen, wie ihr Sohn vor ihren Augen vor
sich hin welkte: blass, abgemagert, mit tiefen Schatten unter den Augen. Er war nur noch
eine Hülle seiner selbst.
An einem Abend nach dem Abendessen setzten sie sich mit ihm ins Wohnzimmer. Seine
Mutter hatte Tränen in den Augen, sein Vater sprach ruhig, aber unmissverständlich.
„Max, Liebling… wir müssen reden.“
Er ahnte schon, was kam, und schüttelte starrköpfig den Kopf. „Nein.“
„Du fährst jeden Tag hin“, sagte der Vater leise. „Du isst nicht, du schläfst nicht, du lebst nur
noch in diesem Krankenzimmer. Das hilft Laura nicht. Und dich macht es kaputt.“
„Ich muss bei ihr sein! Was ist, wenn sie genau in dem Moment aufwacht, in dem ich nicht
da bin?“
Der Vater legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Die Ärzte sagen, es gibt derzeit keine
Veränderung. Und du… du gehst uns hier daran zugrunde, Sohn.“
Seine Mutter begann nun ofen zu weinen. „Wir verbieten dir vorerst, sie zu besuchen. Nur
für ein paar Wochen. Du brauchst Abstand, Max. Du musst wieder lernen zu leben.“
Max sprang entsetzt auf. „Was?! Das könnt ihr mir nicht verbieten! Sie ist meine Schwester!
Meine Zwillingsschwester! Ich lasse sie nicht allein!“Seine Stimme wurde laut, die Worte scharf. Er schrie sie an, sie schrien zurück – nicht aus
Wut, sondern aus purer Verzweiflung. Es war der schlimmste Streit, den ihre Familie je
erlebt hatte. Max warf ihnen vor, Laura bereits aufgegeben zu haben. Sie warfen ihm vor,
sich selbst vollkommen aufzugeben. Tränen, rote Gesichter, zitternde Stimmen.
Am Ende siegten die Eltern. Nicht durch Härte, sondern durch die schiere Erschöpfung aller
Beteiligten. Max hatte schlicht keine Kraft mehr zu kämpfen.
„Geh bitte auf dein Zimmer“, sagte der Vater leise.
Max stand da, die Fäuste so fest geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Tränen liefen
ihm unaufhaltsam übers Gesicht. Er wollte noch etwas sagen, ein Wort, das alles
ungeschehen machen würde, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Er drehte sich um und
ging die Treppe hoch, langsam, als würde jeder einzelne Schritt Tonnen wiegen.
Er öfnete die Tür zu ihrem gemeinsamen Zimmer. Lauras Bett war akkurat gemacht, ihre
Schulsachen lagen noch genau so auf dem Schreibtisch, wie sie sie am Samstagmorgen
zurückgelassen hatte. Sogar ihr vertrauter Duft schwebte noch ganz leicht in der Luft.
Max schloss die Tür hinter sich, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und rutschte langsam
am Holz nach unten auf den Boden.
Er war allein. Zum ersten Mal seit dem Unfall vollkommen allein mit der Leere.