Chapter 20 of 22
Wer willst du sein?
692 words
Der Schlüssel drehte sich leise, dann zog Max die Tür auf. Sein Gesicht war verheult, die
Wangen nass, das sorgfältig aufgetragene Make-up in dunklen Spuren verlaufen. Er öfnete
den Mund, doch kein einziges Wort kam heraus.
Julia sagte nichts. Sie trat einfach einen Schritt vor und schloss ihn fest in die Arme. Max
sackte in der Umarmung vollkommen zusammen. Seine Beine gaben nach, und Julia glitt
mit ihm gemeinsam auf den Boden, ohne ihn auch nur für eine Sekunde loszulassen. Sie
hielt ihn einfach fest, bis das schwere, zitternde Schluchzen an ihrer Schulter allmählich
leiser wurde.
Als sie sich endlich voneinander lösten, setzte sich Julia ihm im Schneidersitz gegenüber
und fragte sanft: „Was ist los, Max? Erzähl es mir.“
Sie ahnte es natürlich längst. Aber sie wusste, dass er es aus seinem eigenen Mund hören
musste.
Max starrte auf seine zitternden Hände. Die Worte wollten nicht kommen. Alles in seinem
Kopf fühlte sich zu groß, zu wirr an. Julia wartete. Sie drängte nicht. Sie hielt die Stimmung
so behutsam aufrecht, dass Max irgendwann doch die Kraft fand, das Chaos in Worte zu
fassen.„Ist es überhaupt… gesund?“, flüsterte er. „Die Kleidung meiner Schwester zu tragen,
während sie da liegt und nicht aufwacht? Bin ich jetzt ein Junge oder ein Mädchen? Was ist
meine Identität überhaupt noch?“
Er schluckte schwer. „Seit sie weg ist, fehlt einfach etwas tief in mir drin. Es ist, als ob ein
Teil von mir selbst mit ihr drüben im Krankenhaus liegt. Diese Leere in mir wurde durch
Lauras Kleidung zwar etwas geschlossen, aber das ist nicht alles.“
Er sah auf und blickte Julia direkt in die Augen. „Weißt du... wenn du dein ganzes Leben
lang immer deine bessere Hälfte an deiner Seite hattest, wenn du alles mit dieser Person
geteilt und erlebt hast, dann wird sie irgendwann zu einem Teil von dir selbst. Laura ist
dieser Teil für mich. Jetzt trage ich schon eine ganze Weile ihre Sachen... und irgendwas
Neues wächst da in mir. Ich kann es nicht beschreiben, aber es wird von Tag zu Tag größer.
Was, wenn dieses Etwas irgendwann den Platz für Laura wegnimmt? Was, wenn ich zu
Laura werde? Ich begreife es selbst nicht wirklich... aber es macht mir Angst.“
Julia hörte geduldig zu. Kein hastiges Unterbrechen, kein vorschnelles Trösten. Erst als Max
vollkommen fertig war, sprach sie mit fester und klarer Stimme:
„Es ist völlig egal, wer man früher war. Und es ist auch egal, ob man Junge oder Mädchen
ist. Wichtig ist nur, wer man im Hier und Jetzt sein will.“
Ein kleines, warmes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Ich war oft genug dabei, wenn
Laura dich geneckt hat. ‚Bedien dich ruhig an meinem Schrank, Max.‘ Weißt du noch? Sie
hätte das niemals schlimm gefunden. Nie im Leben.“
Dann stellte sie die eine entscheidende Frage: „Wer willst du jetzt sein?“
Max schloss die Augen. Einfach wieder der alte Max zu sein, fühlte sich plötzlich unmöglich
an. Die Kleidung war so vertraut und bequem geworden. Sie gab ihm die dringend benötigte
Nähe zu Laura – und bot ihm gleichzeitig eine merkwürdige, neue Unabhängigkeit von ihr.
Sie war nicht mehr nur ein reines Werkzeug der Trauer. Sie war ein Weg geworden, sich
selbst überhaupt wieder zu spüren.
Er schlug die Augen auf. „Ich will… weiter Mädchenkleidung tragen. Nicht mehr nur, weil ich
trauere. Sondern um herauszufinden, wer ich bin.“
Julia nickte langsam, ein kleines, aber sehr entschlossenes Lächeln auf den Lippen. „Dann
betrachten wir dich ab jetzt nicht mehr als trauernden Jungen. Sondern als Mädchen, das
seine Identität sucht. Und wenn es am Ende doch nichts für dich ist – dann kann man es
jederzeit rückgängig machen. Aber jetzt für den Moment lassen wir uns voll darauf ein.“
Sie grinste breit. „Deine erste BFF ist ja schließlich schon hier.“
Max atmete aus. Ein langer, tief zitternder Atemzug. „Ich weiß nicht... irgendwie fühlt sich
Max jetzt plötzlich gar nicht mehr passend an“, flüsterte er leise. „Zu alt.“
„Dann… gehen wir jetzt runter“, sagte Julia leise, aber mit aufbauendem Ton. „Und erzählen
es allen. Und wir suchen einen neuen Namen für dich.“
Julia stand auf und reichte ihm die Hand. Gemeinsam gingen sie zur Tür.