Chapter 19 of 22
Die Frage
536 words
Die Worte des Vaters lagen noch schwer im Raum, als in Max die Tränen hochstiegen.
Ohne ein einziges Wort zu sagen, drehte er sich um, rannte die Treppe hinauf und
verschwand im gemeinsamen Zimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Der Schlüssel
drehte sich mit einem leisen, endgültigen Klicken.
Max war nicht sauer auf seinen Vater. Kein bisschen. Aber er war emotional vollkommen
überwältigt und verwirrt. Er setzte sich auf Lauras Bett, zog die Knie fest an die Brust und
starrte auf die Dielen. Die Tränen liefen unaufhaltsam über sein Gesicht; das Make-up, das
Julia am Morgen so sorgfältig aufgetragen hatte, verschmierte langsam auf seinen Wangen.
Er hatte mit der Kleidung angefangen, um Laura nahe zu sein. Um ihren gewohnten Duft zu
spüren, ihre Wärme, etwas von dem gemeinsamen Leben festzuhalten, das schlagartig
zerrissen war. Nicht um ihre Rolle einzunehmen. Nicht um sie zu ersetzen.
Doch jetzt… „Laura.“
Der Name hallte unaufhörlich in seinem Kopf wider. Eine Welle von Gedanken brach über
ihn herein – Fragen, die er monatelang verdrängt hatte und die sich plötzlich nicht mehr
totbewegen ließen:
Werde ich unbewusst langsam wie sie?
Was macht das mit mir?Werde ich jemals wieder zurück in mein altes Leben können?
Oder verliere ich mich langsam selbst?
Unten im Wohnzimmer hielt sich der Vater erschrocken die Hand vor den Mund. Sein
Gesicht war aschfahl. Es war keine Absicht gewesen. Nur die tief sitzende Macht der
Gewohnheit, ausgelöst durch das makellose Äußere, den vertrauten Trubel und diesen
einen kurzen Augenblick, in dem alles wieder so gewohnt gewirkt hatte. Er machte einen
Schritt auf die Treppe zu, wollte hoch zu Max, etwas sagen, sich entschuldigen.
Julia legte ihm sanft, aber bestimmt die Hand auf den Arm. „Warten Sie bitte, Herr Meier.
Ich… ich möchte mit ihm reden.“
Der Vater zögerte kurz, nickte dann stumm und setzte sich wieder schwer in den Sessel.
Julia ging leise die Stufen hinauf. Vor der verschlossenen Zimmertür blieb sie stehen und
klopfte behutsam gegen das Holz.
„Max? Ist alles okay? Darf ich reinkommen?“
Keine Antwort. Nur Stille.
Sie lehnte die Stirn gegen die kühle Tür und sprach ganz leise, fast flüsternd, aber klar
genug, dass jedes Wort drinnen ankommen musste.
„Du musst gar nichts sagen, Max. Ich bin einfach nur hier.
Was dein Vater gesagt hat… das war ein bloßer Versprecher. Mehr nicht. Er hat dich nicht
mit Laura verwechselt, weil du sie ersetzen willst. Sondern weil du sie so sehr liebst, dass
etwas von ihr in dir sichtbar wird.
Du bist immer noch Max. Du bist nicht Laura. Du nimmst niemandem etwas weg.
Und du musst dich heute oder morgen auch nicht entscheiden, wer du sein willst.
Es ist vollkommen okay, verwirrt zu sein. Es ist okay, Angst zu haben, dass man sich verliert.
Aber ich sehe dich. Wir alle sehen dich. Und du bist nicht allein damit.“
Ihre Stimme war warm, ruhig und vollkommen frei von Druck.
Drinnen saß Max noch immer auf dem Bett, aber das Schluchzen legte sich langsam. Die
schweren Fragen waren nicht verschwunden, aber sie fühlten sich plötzlich nicht mehr ganz
so erdrückend an.
Nach einer langen, stillen Minute war von innen ein leises Geräusch zu hören.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Die Tür wurde langsam aufgeschoben.