Chapter 1 of 22
Ein ganz normaler Herbstmorgen
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Es war ein kühler Dienstag im Oktober, einer jener Tage, an denen der Herbstwind schon die
ersten gelben Blätter durch die Straßen wirbelt und die Luft nach feuchter Erde riecht. In
dem großen, hellen Zimmer im ersten Stock des Reihenhauses in der Vorstadt von München
schliefen Max und Laura noch tief und fest. Das Zimmer war seit ihrer Kindheit ihr
gemeinsamer Rückzugsort: zwei Betten an gegenüberliegenden Wänden, dazwischen ein
breiter Schreibtisch, den sie sich teilten, Regale voller Bücher, Sportpokale und alter Fotos,
und ein riesiger Kleiderschrank, der ebenfalls geteilt wurde – auch wenn die Hälften streng
nach Geschlecht sortiert waren.
Der Wecker auf Lauras Nachttisch klingelte um 6:45 Uhr mit einem sanften, aber
hartnäckigen Piepton. Laura war sofort wach. Sie streckte sich unter ihrer Decke, gähnte
leise und setzte sich auf. Ihre langen, dunkelblonden Haare fielen ihr wirr ins Gesicht. Sie
trug ein altes Oversize-T-Shirt von Max, das sie sich irgendwann vor zwei Jahren unter den
Nagel gerissen hatte und seitdem als Schlafshirt benutzte. Barfuß tappte sie zum Fenster,
zog den Vorhang ein Stück zur Seite und blickte hinaus. Der Himmel war grau, leichter
Nebel hing über den Gärten.
„Max… aufstehen“, murmelte sie, während sie sich die Augen rieb.
Auf der anderen Seite des Zimmers grunzte Max nur und zog sich die Decke über den Kopf.
„Noch fünf Minuten…“
Laura grinste schelmisch, ging zu seinem Bett und riss die Decke mit einem Ruck weg.
„Keine Chance. Du weißt, dass wir um halb acht den Bus kriegen müssen. Und ich will
vorher noch joggen.“
Max blinzelte ins graue Morgenlicht, seine Haare standen in alle Richtungen ab. Er trug nur
eine Boxershorts und ein enges Shirt. „Du und dein verdammtes Joggen. Es ist arschkalt da
draußen.“
„Genau deswegen. Frische Luft weckt auf.“ Sie ging schon zu ihrem Schrank, zog ihre
Laufklamotten heraus – enge Leggings, ein Funktionsshirt und ihre neon-gelben
Laufschuhe. „Ich bin in zwanzig Minuten wieder da. Duschen darfst du zuerst, wenn du jetzt
aufstehst.“
Max seufzte, setzte sich aber auf. „Deal.“
Während Laura leise die Treppe hinunterhuschte und kurz darauf in der kühlen Morgenluft
loslief, blieb Max noch einen Moment sitzen. Er gähnte herzhaft, streckte sich und schlurfte
dann ins Bad. Das warme Wasser der Dusche vertrieb die letzte Müdigkeit. Als er zurück ins
Zimmer kam, nur mit einem Handtuch um die Hüften, war Laura schon wieder da – Wangen
gerötet, Atem noch ein wenig schneller.
„Pünktlich wie immer“, sagte sie und verschwand ins Bad.
Max zog sich an: dunkle Jeans, ein graues Langarmshirt und seinen schwarzen Hoodie mit
dem kleinen Logo auf der Brust. Er kämmte sich die Haare, die fast genau die gleiche Farbe
und Länge wie Lauras hatten – nur dass er sie kürzer trug. Als Laura zurückkam, frisch
geduscht und in Unterwäsche, begann sie in ihrem Schrank zu wühlen.
„Sag mal… kann ich mir deinen schwarzen Hoodie leihen? Meiner ist in der Wäsche und
draußen ist es echt frisch.“
Max, der gerade seinen Rucksack packte, verdrehte die Augen. „Schon wieder? Laura, das
ist mein Lieblingshoodie.“
„Bitteeee“, sagte sie mit diesem bestimmten Ton, den er nur zu gut kannte – halb flehend,
halb neckend. Sie kam näher, die Hände in die Hüften gestemmt. „Du kriegst ihn heute
Nachmittag direkt wieder. Versprochen.“
Er seufzte theatralisch, zog den Hoodie aus und warf ihn ihr zu. „Du bist echt unmöglich.“Laura fing ihn geschickt auf, zog ihn über und grinste breit. Der Hoodie war ihr viel zu groß,
die Ärmel hingen über ihre Hände, aber genau das liebte sie daran. „Danke, Bruderherz. Du
bist der Beste.“
Max schnaubte amüsiert. „Ja, ja.“
Laura drehte sich einmal vor dem großen Spiegel an der Schranktür. „Sieht doch gut aus,
oder?“ Dann, mit einem schelmischen Funkeln in den Augen, fügte sie hinzu: „Weißt du,
wenn du mal was von mir brauchst – meine Kleider hängen alle da drüben. Bedien dich
ruhig jederzeit.“
Max erstarrte kurz, spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss. Er wandte sich schnell ab,
stopfte hektisch sein Mathebuch in den Rucksack. „Haha, sehr witzig. Als ob ich in deine
Glitzerklamotten passen würde.“
„Hey, wir haben exakt die gleiche Größe“, rief sie lachend. „Und du würdest in meinem roten
Rock bestimmt süß aussehen.“
„Laura!“, zischte er, halb genervt, halb verlegen. „Hör auf damit. Ich bin kein Crossdresser.“
Sie hob beschwichtigend die Hände. „War nur Spaß. Komm, wir müssen los.“
Sie schnappten sich ihre Rucksäcke, polterten die Treppe hinunter, riefen ihren Eltern ein
schnelles „Tschüss!“ zu und rannten zur Bushaltestelle drei Straßen weiter. Der Bus kam
pünktlich, sie stiegen ein, setzten sich nebeneinander in die letzte Reihe.
In der Schule trennten sich ihre Wege kurz. Max steuerte direkt auf Marie zu, seine neue
Freundin seit drei Wochen – ein hübsches Mädchen aus der Parallelklasse mit lockigen
braunen Haaren. Sie stand mit ein paar Freundinnen am Eingang, lächelte, als sie ihn sah,
und er küsste sie zur Begrüßung auf den Mund.
Laura, die zwei Meter hinter ihm ging, verzog angewidert das Gesicht. „Igitt, kriegt euch mal
ein Zimmer“, murmelte sie leise, drehte den Kopf weg und ging schnurstracks zu ihrem
Spind.
Im Unterricht saß Laura in der ersten Reihe, Stift immer bereit, Notizbuch perfekt organisiert
mit farbigen Markierungen. Sie meldete sich oft, ihre Antworten waren präzise, der Lehrer
nickte anerkennend. Max saß weiter hinten, zeichnete ab und zu in sein Heft, flüsterte mit
Freunden und warf ab und zu einen Blick auf sein Handy.
Nach der letzten Stunde trafen sie sich wieder am Ausgang. Gemeinsam fuhren sie nach
Hause, redeten über den Tag – Laura beschwerte sich über eine ungerechte Englischarbeit,
Max erzählte von einem lustigen Vorfall im Sportunterricht.
Zu Hause roch es nach Kartofelgratin. Ihre Mutter hatte gekocht, der Vater war schon da.
Sie aßen zusammen am Esstisch: Mama fragte nach der Schule, Papa erzählte von seinem
Tag im Büro. Es war diese vertraute, warme Routine, die alles so normal wirken ließ.
Nach dem Essen verschwanden Max und Laura wieder nach oben in ihr Zimmer. Sie warfen
die Schultaschen in die Ecke, Laura zog den Hoodie aus und warf ihn Max zu. „Hier,
unbeschadet zurück.“
Max ließ sich aufs Bett fallen, Laura setzte sich im Schneidersitz auf ihres. Sie holten ihre
Laptops heraus, aber statt zu lernen, starteten sie eine Serie, die sie zusammen schauten.
Zwischendurch redeten sie einfach drauflos.
„Marie ist nett, aber… ich weiß nicht“, sagte Laura irgendwann und biss in einen Apfel. „Die
kichert immer so afektiert.“
Max lachte. „Du magst keine meiner Freundinnen. Nie.“
„Stimmt nicht. Anna war okay. Die war wenigstens schlau.“
„Anna hat mich abserviert, weil ich angeblich zu viel Zeit mit dir verbringe.“
Laura grinste triumphierend. „Siehst du. Genau deswegen war sie schlau.“
Max warf ein Kissen nach ihr. „Du bist doof.“Sie wich aus, lachte laut. „Und du bist ein Frauenschwarm, der keine Ahnung hat, was er
will.“
Sie redeten weiter – über die anstehenden Abiturvorbereitungen, über den bevorstehenden
Shoppingtag, den Laura mit Tante Claudia geplant hatte, über Musik, über dummes Zeug.
Die Stunden vergingen, das Zimmer wurde nur noch vom warmen Licht der
Nachttischlampen erhellt.
Es war einer dieser Abende, an denen alles stimmte. Sie waren einfach Max und Laura.
Unzertrennlich. Beste Freunde. Zwillinge.
Niemand ahnte, dass sich in wenigen Wochen alles ändern würde.