Chapter 22 of 22

Lucy

612 words

Der Name schwebte im Raum. ​Der Vater wiederholte den Namen behutsam vor sich hin. „Lucy…“, murmelte er und nickte langsam. Ein kleiner Teil der Last auf seinen Schultern schien abzufallen, doch sein Blick blieb ernst und von Sorge getragen. ​Er sah seine Tochter aufmerksam an. „Lucy… du weißt, dass das kein einfacher Weg wird, oder? Die Schule, die Menschen da draußen… das wird verdammt hart und steinig.“ ​Lucy blickte ihrem Vater in die Augen. Das Zittern in ihren Händen hatte aufgehört. „Ich weiß. Aber es ist der einzige Weg, der sich für mich richtig anfühlt. Ich schaffe das.“ ​Die Mutter lächelte gerührt, feuchte Augen glänzten im Kerzenlicht. Sie griff nach Lucys Hand und drückte sie fest. „Wenn du damit glücklich wirst, mein Schatz… dann sind wir es auch.“ ​Julia atmete hörbar aus und lehnte sich im Sofa zurück, während Mia und Sophie sich stumm anlächelten. ​Paul, der etwas abseits gesessen hatte, beugte sich vor. Er sah Lucy direkt an, seine Stimme war ruhig, aber voller Ernst. „Bist du dir wirklich ganz sicher, Lucy?“ ​Lucy atmete tief durch, hielt seinem Blick stand und sagte leise, aber ohne jeden Zweifel: „Ich war mir in meinem ganzen Leben noch nie bei etwas so sicher.“ ​Für einen Moment herrschte Stille. Dann stand Paul auf, trat an sie heran und zog sie fest in eine brüderliche Umarmung. „Dann bin ich dabei“, flüsterte er. „Egal was kommt – ich stehe hinter dir.“ ​Aus dieser tiefen Geborgenheit heraus löste sich langsam die schwere Anspannung der letzten Tage. Die Freistellung von der Schule lag vor ihnen wie ein geschützter Raum. ​„Wisst ihr was?“, meinte Julia schließlich und brach die Stille mit einem aufmunternden Lächeln. „Wir haben frei bis Montag. Lasst uns die Zeit nutzen. Pyjama-Party. Wir holen ein paar bequeme Sachen, machen es uns gemütlich und lassen die Welt da draußen einfach ein paar Tage Welt sein.“ ​Niemand legte Widerspruch ein. Wenige Minuten später zogen sie gemeinsam los. Sie schlenderten durch die Innenstadt, die Hände voll mit Einkaufstüten – Süßigkeiten, neue Socken, ein paar bequeme Oberteile, Nagellack in den verschiedensten Farben und alles, was für einen richtigen Mädelsabend dazugehörte. ​Zurück im Hause Meier verschwanden die Mädchen nach oben ins Zimmer. Julia übernahm gewohnt professionell das Kommando und zeigte Lucy Schritt für Schritt, wie man sich richtig stylt. Nicht mehr wie am Morgen unter Zeitdruck, sondern mit Ruhe, Sorgfalt und Aufmerksamkeit für Details. ​Als Julia gerade anfing, Lucys Nägel zu feilen und zu lackieren – erst der Rillenfüller, dann die feine Farbe, zum Schluss der glänzende Überlack –, öffnete sich leise die Zimmertür. Der Vater lugte hinein, schmunzelte über die entspannte Runde und setzte sich kurzerhand im Schneidersitz auf den Boden direkt neben sie. ​„Na dann… macht bei mir auch mit. Schließlich stehe ich zu hundertundeins Prozent hinter dir, Lucy.“ ​Die Mädchen prusteten augenblicklich los. Keine zehn Minuten später saß der Vater da, betrachtete seine leuchtend rosa und pastellblau lackierten Fingernägel mit gespielter Ernsthaftigkeit und nickte zustimmend. „Sieht ehrlich gesagt besser aus, als ich gedacht hätte.“ ​Danach wurde es richtig albern, laut und herzerwärmend. Sie veranstalteten eine ausgiebige Modenschau mitten im Zimmer. Lucy probierte Kleidung aus – nicht mehr nur, um Laura zu kopieren oder ihre Sachen aufzubrauchen, sondern um herauszufinden, was sich nach ihr selbst anfühlte. Manches war zu eng, manches zu wild, anderes passte auf Anhieb wie angegossen. Lachen erfüllte den Raum, Kommentare und Styling-Tipps flogen hin und her, begleitet von übertriebenen Posen auf dem improvisierten Laufsteg. ​Es war der allererste Abend, an dem Lucy bewusst versuchte, einfach sie selbst zu sein. Nicht die trauernde Zwillingsschwester. Nicht der alte Junge. Sondern ein Mädchen, das gerade erst anfing, die eigene Welt zu entdecken. ​Und es fühlte sich… verdammt richtig an.

End of Chapter 22