Chapter 1 of 1
The Assignment
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# 01 — The Assignment
**7. Oktober 2026 — 10:14 Uhr**
**Haneul Arts Institute, Seoul**
Professor Oh sprach seit zwanzig Minuten über Sekundärdominanten, und ich hatte seit ungefähr achtzehn Minuten aufgehört, wirklich zuzuhören.
Nicht, weil das Thema mich nicht interessierte. Ich kannte es größtenteils schon, hatte es in meinem zweiten Jahr gelernt, dann noch einmal im letzten Semester wiederholt, bis es sich in meinem Kopf festgesetzt hatte wie eine Vokabel, die man irgendwann nicht mehr vergisst. Aber während seine Stimme monoton weiterlief, hatte sich ein Teil von mir längst in mein Notizbuch verabschiedet, wo unter den Mitschriften eine kleine, unfertige Melodie stand, die ich seit drei Tagen mit mir herumtrug.
Ich hatte sie mitten in der Nacht aufgenommen, halb im Schlaf, auf mein Handy gesummt, weil ich Angst hatte, sie bis zum Morgen zu vergessen. Seitdem hatte ich sie mindestens zwanzigmal angehört und dabei versucht herauszufinden, was genau daran noch fehlte. Etwas in der zweiten Zeile stimmte nicht. Ich konnte es nicht benennen, aber ich hörte es jedes Mal, wie eine winzige Unebenheit in einer sonst glatten Fläche.
Auf meinem Tablet lagen mittlerweile mehr unfertige Songideen als fertige. Produktionsnotizen, halbe Texte, Sprachmemos mit Titeln wie *idee_3_neu_final_wirklich* oder *NICHT LÖSCHEN*. Musik war für mich nie nur ein Studienfach gewesen, das ich morgens betrat und nachmittags wieder ablegte. Sie lief nebenher, ständig, wie ein zweiter Gedankenstrang, der sich nie ganz abschalten ließ, egal worum es in der Vorlesung gerade ging.
Herbstlicht fiel schräg durch die hohen Fenster des Hörsaals und warf lange Schatten über die Reihen vor mir. Draußen auf dem Campus hatten die Bäume längst begonnen, ihre Blätter zu verlieren, und die Luft roch morgens inzwischen deutlich nach Winter, der sich langsam ankündigte.
Ich war jetzt im dritten und letzten Jahr meines Bachelors. Es fühlte sich noch immer seltsam an, das laut zu denken – als könnte es nicht wirklich stimmen, dass drei Jahre, die sich zu Beginn endlos angefühlt hatten, plötzlich fast vorbei waren.
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**7. Oktober 2026 — 12:36 Uhr**
**Campus Cafeteria**
„Noch acht Monate", sagte Yerin, während sie sich über ihr Tablett beugte und mit den Stäbchen nach einem Stück Fischkuchen angelte.
„Sag das bitte nicht", sagte ich.
„Was? Es ist die Wahrheit." Sie zuckte mit den Schultern. „Acht Monate, dann sind wir fertig. Dann müssen wir echte Erwachsene sein, mit echten Jobs und echten Problemen."
„Ich hab schon genug Probleme, danke."
„Deine Probleme sind, ob dein Refrain zu leise ist. Das ist ein sehr niedliches Problem im Vergleich zu dem, was uns nächstes Jahr erwartet."
Ich stach mit meinen eigenen Stäbchen in mein Essen, ohne wirklich zu essen. Acht Monate bis zum Abschluss. Und danach die Abschlussprüfung, die über allem hing wie eine Wolke, die man aus den Augenwinkeln immer im Blick behielt, ohne sie direkt anzusehen. Und danach – wenn ich Glück hatte, wenn ich wirklich, wirklich Glück hatte – ein Versuch, tatsächlich bei einer der großen Firmen unterzukommen. CB97, wenn es nach mir ginge. Es war nicht einfach nur ein Ziel. Es war der einzige Plan, den ich seit Jahren hatte.
„Du machst dieses Gesicht", sagte Yerin.
„Welches Gesicht?"
„Das Gesicht, mit dem du gerade wieder deine gesamte Zukunft durchgerechnet hast." Sie grinste. „Entspann dich. Du hast noch acht Monate, um dir Sorgen zu machen. Iss erstmal."
Ich aß. Ein bisschen. Der Gedanke an das, was nach dem Abschluss kam, saß trotzdem weiter in mir fest, wie ein Stein, den ich nicht ganz herunterschlucken konnte.
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**7. Oktober 2026 — 14:37 Uhr**
**Haneul Arts Institute, Bibliothek**
Die E-Mail kam, während ich in der Bibliothek saß, mein Laptop halb offen, ein Kapitel über Musikproduktionsrecht vor mir, das ich eigentlich hätte lesen sollen.
*Betreff: Industry Mentorship Program — Final Placement*
Mein Herz schlug plötzlich viel zu schnell für eine simple Betreffzeile.
Ich öffnete die E-Mail mit Fingern, die minimal zitterten, und las den ersten Satz zweimal, bevor ich ihn wirklich verstand.
*Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie für das Industry Mentorship Program des akademischen Jahres 2026/27 ausgewählt wurden.*
Ich starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben leicht verschwammen.
Das Industry Mentorship Program war das, wovon jeder im Abschlussjahrgang sprach, aber kaum jemand tatsächlich bekam – eine Handvoll Plätze, echte Produzenten und Songwriter aus der Industrie, die bereit waren, sich ein ganzes letztes Studienjahr lang mit einem einzigen Studenten zu beschäftigen. Für die meisten von uns war es der realistischste Weg, überhaupt einen Fuß in eine der großen Firmen zu bekommen, ohne komplett bei null anzufangen. Ich hatte meine Bewerbung mindestens fünfmal überarbeitet, bevor ich sie abgeschickt hatte, und war danach fest davon ausgegangen, nie wieder etwas davon zu hören.
Ich scrollte weiter runter, zu der Zeile, die alles andere unwichtig machte.
*Ihr zugewiesener Mentor: Kang Chan, Senior Music Producer, CB97 Entertainment.*
Ich musste die E-Mail dreimal lesen, um sicherzugehen, dass ich mir das nicht einbildete.
Ich schickte sie sofort an Yerin, mit nur einem Wort dazu.
*CHAERIN.*
Ihre Antwort kam Sekunden später.
*Warte. Kang Chan? DER Kang Chan?*
*Ich glaube nicht, dass es zwei davon gibt.*
*OH MEIN GOTT.*
Ich klappte den Laptop halb zu, presste die Hände gegen mein Gesicht, mitten in der stillen Bibliothek, und musste mich zwingen, nicht laut zu lachen oder zu schreien oder beides gleichzeitig.
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**7. Oktober 2026 — 15:02 Uhr**
Wenn mich jemand gefragt hätte, wie Kang Chan aussah, hätte ich keine vernünftige Antwort geben können.
Ich kannte seinen Namen so gut wie meinen eigenen. Ich kannte seine Credits – drei der letzten fünf Songs, die es an die Spitze der Charts geschafft hatten, trugen seinen Namen als Produzent. Ich kannte seine bekanntesten Produktionen so genau, dass ich einzelne Sounds daraus erkannt hätte, selbst wenn man sie aus dem Zusammenhang gerissen hätte. Ich hatte die wenigen Interviews gesehen, die er je gegeben hatte, in denen er kurz angebunden und fast unbeteiligt wirkte, als würde er lieber woanders sein.
Aber sein Gesicht?
Es gab kein offizielles Foto von ihm, das ich kannte. Keinen persönlichen Account. Die seltenen Studio-Ausschnitte, die manchmal auf offiziellen CB97-Kanälen auftauchten, zeigten höchstens seine Hände an einem Mixpult, einen Ausschnitt eines Notizzettels, nie sein Gesicht. Es gab Gerüchte – er sei groß, er trage immer Kopfhörer, er spreche kaum mit jemandem außerhalb seines engsten Kreises – aber nichts Konkretes.
Er arbeitete meistens nachts, hieß es. Er produzierte extrem präzise, fast schon besessen. Er nahm selten Studenten oder Nachwuchskräfte unter seine Fittiche, und wenn, dann nur, wenn er dazu verpflichtet wurde.
Warum ausgerechnet ich, dachte ich, zum wahrscheinlich zehnten Mal an diesem Nachmittag.
Ich hatte keine Antwort darauf. Nur die Ahnung, dass ich es in ein paar Stunden herausfinden würde.
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**7. Oktober 2026 — 18:48 Uhr**
**Chaerins Wohnung, Seoul**
Ich zog meine Schuhe aus, ließ meinen Rucksack neben der Tür fallen, und stand für einen Moment einfach nur da, in der Stille meiner eigenen vier Wände, bevor ich mein Laptop wieder aufklappte.
Ich hatte versucht zu lernen. Es hatte nicht funktioniert. Stattdessen hatte ich die letzte Stunde damit verbracht, jedes verfügbare Interview mit Kang Chan noch einmal anzusehen, jeden Studio-Schnipsel, jede Erwähnung seines Namens, die ich finden konnte. Ich fand nichts Neues. Kein Foto. Keine bessere Ahnung, wie er wirklich aussah oder klang, außer der ruhigen, tiefen Stimme aus den zwei Interviews, die überhaupt existierten.
Mein Handy vibrierte. Yerin.
*Was ziehst du morgen an?*
*Es ist ein Arbeitstreffen, Yerin. Kein Date.*
*Das hab ich nicht gefragt.*
Ich starrte eine Weile auf die Nachricht, bevor ich aufstand und trotzdem meinen Kleiderschrank öffnete. Am Ende zog ich drei verschiedene Outfits an und wieder aus, nicht weil es ein Date war, sondern weil ich unbedingt professionell wirken wollte – als hätte ich das alles schon einmal gemacht, als wäre ich nicht die nervöseste Person, die morgen dieses Gebäude betreten würde.
Ich entschied mich für etwas Einfaches. Dunkle Jeans, ein cremefarbener Pullover, meine üblichen Sneaker.
Draußen vor meinem Fenster hatte es angefangen zu nieseln, dieser feine Herbstregen, der Seoul um diese Jahreszeit fast jeden zweiten Abend überzog.
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**8. Oktober 2026 — 20:42 Uhr**
**CB97 Entertainment, Seoul**
CB97 Entertainment sah aus, wie ich es mir vorgestellt hatte – nur größer und, auf eine Art, gewöhnlicher, als ich erwartet hatte. Kein Fantasy-Palast, sondern ein echter Arbeitsplatz: Mitarbeiter mit Laptops unter dem Arm, die durch das Foyer hasteten, Sicherheitspersonal am Empfang, irgendwo im Hintergrund gedämpfte Musik aus einem der oberen Stockwerke, ein Aufzug, der ständig auf- und abfuhr. Glas, Stahl, gerahmte Alben an den Wänden, Awards in Glasvitrinen.
Ich fühlte mich augenblicklich sehr klein.
Ich stand fünf Minuten zu früh vor dem Empfang, mein Ausweis-Badge fest in der Hand, als würde er mir sonst wegfliegen.
„Yoon Chaerin?"
Die Frau, die auf mich zukam, hatte diese Art von Ausstrahlung, die sofort klarmachte: hier bestimmt sie. Anfang vierzig, makelloser Blazer, ein Blick, der mich in Sekunden von oben bis unten erfasste, ohne dabei unhöflich zu wirken.
„Ja, das bin ich."
„Ms. Han. Ich leite die Produktionsabteilung." Sie reichte mir die Hand, fester Griff. „Willkommen bei CB97."
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**8. Oktober 2026 — 20:57 Uhr**
Sie führte mich in einen kleinen Besprechungsraum, bevor das eigentliche Meeting begann, und erklärte mir in knappen, geübten Sätzen, wie das Programm funktionierte.
„Das Mentorship läuft über Ihr gesamtes letztes Studienjahr", sagte sie. „Sie bleiben parallel Studentin. Ihre universitären Verpflichtungen ändern sich dadurch nicht – Sie müssen weiterhin alle Kurse belegen und Prüfungen ablegen."
„Verstanden."
„Das Programm ist keine Jobgarantie." Sie sah mich direkt an, als wolle sie sicherstellen, dass ich das wirklich verstand. „Wer nach dem Abschluss bei CB97 arbeiten möchte, muss sich regulär für die Einstellungsprüfung qualifizieren, wie jeder andere Bewerber auch. Das Mentorship gibt Ihnen einen Vorteil. Es ersetzt nicht die Prüfung."
„Das ergibt Sinn."
„Und Ihr Mentor wird Ihnen wahrscheinlich sehr schnell erklären, dass Talent allein nicht reicht." Ein Anflug eines Lächelns.
„Das klingt beruhigend."
„Sollte es nicht."
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**8. Oktober 2026 — 21:13 Uhr**
Die Tür ging auf.
Ich hatte mir tausend Versionen davon ausgemalt, wie das erste Treffen aussehen würde. In keiner davon kam er so rein.
Groß. Ein dunkler Hoodie, die Kapuze halb über den Kopfhörern, die um seinen Nacken hingen. In der einen Hand ein schwarzer Motorradhelm, über der Schulter ein abgewetzter Rucksack. Sein Haar leicht zerzaust, als hätte er es sich gerade erst aus der Stirn gestrichen, Schatten unter den Augen, die selbst gutes Licht nicht hätte verbergen können. Er wirkte nicht besonders interessiert daran, überhaupt Eindruck zu machen.
Das war Kang Chan. Der Mann, dessen Musik ich seit anderthalb Jahren fast täglich hörte. Und selbst jetzt, direkt vor mir, hätte ich ihn auf keinem einzigen der wenigen existierenden Fotos eindeutig erkannt.
„Kang", sagte Ms. Han, „das ist Chaerin."
„Ich weiß", sagte er, ohne den Helm abzustellen.
Ich sah ihn kurz an, überrascht.
Er warf mir einen Blick zu – nicht unfreundlich, aber auch nicht besonders interessiert. Als würde er mich in dem Moment schon einordnen und bewerten, wie eine Studentin, die jetzt sein Problem war.
„Hi", sagte ich, und meine Stimme klang deutlich weniger sicher, als ich es mir gewünscht hätte.
Er nickte nur, ließ sich in einen Stuhl fallen, stellte den Helm neben sich ab.
„Du bist also meine Mentee", sagte er schließlich. Keine Frage, eher eine Feststellung.
„Ja."
„Ein Jahr."
„Anscheinend."
Ein kurzer Blick, der mich einen Moment lang komplett zu erfassen schien, bevor er sich wieder abwandte, als hätte er bereits genug gesehen, um sich eine erste Meinung zu bilden.
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**8. Oktober 2026 — 21:31 Uhr**
**CB97 Entertainment, Studio 17**
„Zeig ihr dein Studio", sagte Ms. Han, während sie ihre Unterlagen zusammenpackte.
Er sah nicht besonders begeistert aus. Sagte aber nichts dagegen, stand auf, griff nach seinem Rucksack und sah mich an, als würde er zum ersten Mal registrieren, dass ich tatsächlich mitkommen würde.
„Komm."
Wir gingen durch Flure, die sich allmählich veränderten – weniger Glas, mehr gedämpftes Licht, dickere Türen. Er sagte kein Wort, und ich überlegte mir mehrmals, ob ich etwas sagen sollte, ließ es dann aber bleiben.
Er blieb schließlich vor einer Tür stehen, an der ein kleines, ramponiertes Schild hing.
*DO NOT DISTURB — UNLESS IT'S IMPORTANT.*
„Studio 17", sagte er, während er aufschloss.
Drinnen: eine große Mixing Console, Monitore, ein Keyboard in der Ecke, Gitarren an der Wand, ein abgenutztes Sofa. Kabel, Notizbücher, halb beschriebene Zettel. Eine kleine Lampe warf warmes Licht über den Raum.
Ich blieb im Türrahmen stehen, sah mich um, ohne genau zu wissen, was ich sagen sollte.
„Morgen um zehn", sagte er, schon halb mit dem Rücken zu mir.
„PM?"
Er sah mich an, als hätte ich gerade etwas völlig Offensichtliches gefragt.
„Ich arbeite nicht um zehn Uhr morgens."
„Richtig", sagte ich. „Natürlich."
Er wandte sich schon wieder ab, öffnete ein Projekt auf seinem Bildschirm, als wäre das Gespräch für ihn bereits beendet.
„Zehn Uhr abends", sagte ich noch einmal, mehr zu mir selbst, um es mir einzuprägen.
Er antwortete nicht mehr. Ich verstand, dass das mein Stichwort war zu gehen.
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**8. Oktober 2026 — 21:46 Uhr**
**Straßen von Seoul**
Draußen, in der kühlen, leicht regennassen Nachtluft, holte ich mein Handy heraus und tippte Yerin eine Nachricht, während ich Richtung U-Bahn ging.
*Ich hab ihn getroffen.*
*UND??*
*Ich weiß immer noch nicht genau, wie er aussieht. Ich hab ihn direkt vor mir gesehen und trotzdem hätte ich ihn auf einem Foto nicht erkannt.*
*Das ist das Verrückteste, was ich je gehört hab.*
*Willkommen in meinem Leben, ab jetzt, für ein Jahr.*
Ich steckte das Handy weg und ging weiter, vorbei an den Neonlichtern der Läden, die sich im nassen Asphalt spiegelten, vorbei an Convenience Stores, die um diese Uhrzeit die einzigen noch hell erleuchteten Orte in der Straße waren.
Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich gerade eingelassen hatte.
Ich wusste nur noch nicht, dass die Nächte, die vor mir lagen, mein letztes Studienjahr für immer verändern würden.